Konzerthaus des Philharmonischen Orchesters, Berlin

Fortsetzung des Wettbewerbsentwurfes 202: 1957-1959 für den Standort Bundesallee 1, ab 1959 für den Standort Matthäikirchstr. am Kemperplatz., Berlin-Tiergarten.

Teil des Kulturforums mit Museen für europäische Kunst, Staatsbibliothek (Werkverzeichnis 228, 236) und Kunstbibliothek, Künstlergästehaus (Werkverzeichnis 235), Kammermusiksaal (Werkverzeichnis 246) und Musikinstrumentenmuseum (Werkverzeichnis 247).

Parnerarchitekt Werner Weber, Projektleiter Edgar Wisniewski.

Landschafts- und Gartengestaltung von Hermann Mattern; Skulptur im Foyer von Bernhard Heiliger; Dachskulptur: Hans Uhlmann; Glasfenster: Alexander Camaro; Foyer-Fußboden: Günter Szymmank; Farbberatung: Lou Scheper-Berkenkamp. Im Foyer eine Büste von Hans Scharoun und ein Portät von ihm im Übergang zum Kammermusiksaal.

Fassadenbekleidung 1977-1978, von Edgar Wisniewski.

Im Dritten Reich war das Gelände am Kemperplatz für das Oberkommando des Heeres vorgesehen. Auf einem Teilgrundstück zur Tiergartenstraße wurde die „Aktion-T4“ geplant, an die auf der ehemaligen Buswendeschleife jetzt ein Denkmal erinnert.

2009 kam es bei den Dacharbeiten zu einem spektakulären Brand, der ohne gravierende Schäden blieb.

Täglich um 13:30 werden Führungen durch das Gebäude angeboten. Treffpunkt und Kartenverkauf am Musikereingang.

(16) Kommentare zum Beitrag “Konzerthaus des Philharmonischen Orchesters, Berlin”

  1. Dimitri Suchin 19.06.2000 07:05

    Berliner Philharmonie, Großer Saal

    Ursprünglich hielt das philharmonische Orchester seine Konzerte im “Skating-Ring” in der Bernburger Str. ab. Diese Spielstätte brannte im Krieg ab, eine neue zu errichten machte die “Gesellschaft der Freunde der Philharmonie” sich zur Aufgabe.
    Dazu wird 1956 ein Wettbewerb ausgelobt, als Standort steht das Gelände des Joachimstal’schen Gymnasiums zur Verfügung, im Zentrum West-Berlins. Der Saal sollte hinter dem Gymnasium-Altbau liegen und an eine Hochstraße angrenzen.
    Hans Scharoun gewinnt den Wettbewerb, spricht sich aber sofort für einen Standortwechsel aus, denn die Philharmonie soll für die gesamte Stadt gebaut werden; 1959 wird daraufhin beschlossen, sie zum Kemperplatz zu verlegen und dort einen Kommunikationsort für alle Stadtsektoren zu schaffen.
    Der Grundstein wird 1960 gelegt und bereits am 15. Oktober 1963 das Haus eröffnet.

    Bis dahin hielten sich die Konzertsäle eng an die im Theaterbau entwickelten Regeln. Die Musiker — auf der “Bühne”, ihnen gegenüber — die Zuschauer; Produzenten und Konsumenten. Scharoun hingegen holte sich das Vorbild von der Straße: wenn dort Musik erklingt, bildet sich ein Zuhörer-Kreis. Auf diese Weise, aus der Musik heraus, entwickelt er seinen Saal: “Der Saal ist wie ein Tal gedacht, auf dessen Sohle sich das Orchester befindet, umringt von steigenden Weinbergen. Die Decke entgegnet dieser Landschaft wie eine Himmelschaft, vom Formalen her wirkt sie wie ein Zelt.”
    Die Sitze sind in Gruppen verteilt, der Zuhörer steht als Individuum, nicht als Teil der Masse der Musik gegenüber. Ihm wird auch kein Standort, keine Blickachse zugewiesen, kein Raumbild vorgeprägt — er selbst solle raumschöpfend wirken. Darin soll den Kritikern zufolge der “demokratische Keim” des Kulturforums sein — das Gebäude gebe “nicht genügend Gelegenheit, Rang und Reichtum zur Schau zu stellen…”

    Von Anfang an war die Philharmonie mit “Nebenbauten” zusammen geplant gewesen. So zeigt eins der Modelle der 1950erJahre den Kammermusiksaal, der erst 1987 seine Tore öffnete, kurz zuvor (1984) wurde auch das Musikforschungs-Institut mit dem Musikinstrumenten-Museum übergeben. Ihre Foyers und Dachterrassen fließen ineinander über, den Musikern und Zuhörern vielfältige Spiel- und Hörstätten anbietend.
    Leider sieht man das allzu selten.

    (von einer inzwischen abgeschalteten Homepage)

  2. Dimitri Suchin 21.06.2016 03:04

    Die ursprünglich geplante Fassade des Großen Saales, das sogenannte „Narrenhemd“, inspirierte ein Schal vom Kamswyker Kreis.

  3. Der Spiegel 24.07.2016 08:40

    Musik mit Wänden

    „Der Konzertsaal war abgedunkelt. Nur auf das Podium fiel Tiefstrahlerlicht. Dort hob ein Mann einen Trommelrevolver. Aus dem Dunkel kommandierte eine Stimme: „Jetzt! Gleich alle fünf!“ Der Mann auf dem Podium richtete den Revolver gegen die Saaldecke und feuerte in schneller Folge fünf Schüsse ab.
    Auf dem Podium, wo der Professor der Technischen Universität Berlin Lothar Cremer noch in der letzten Woche mit Hilfe von Revolverschüssen akustische Messungen vornehmen ließ, wird am Dienstag dieser Woche Herbert von Karajan den Taktstock heben, um Beethovens „Neunte“ zu dirigieren…“

    So schrieb „Der Spiegel“ zur Eröffnung der Philharmonie. Nachzulesen in Klartext und als PDF. Dieselbe Szene findet man auch in Günter Grass´ „Mein Jahrhundert“ – nur daß aus dem Mann auf dem Podium ein Mädchen wurde.

  4. Hermann Funke 24.07.2016 08:49

    Zirkus Karajani in Berlin

    „…Muß das denn so kompliziert sein?
    Es muß nicht.
    Kann man das nicht einfacher machen?
    Man kann. Jedes Gebäude könnte auch anders sein.
    Die Philharmonie aber ist von Scharoun: Einfachheit, wenn darunter Rechtwinkligkeit, Glätte, penible Konstruktion und technischer Glanz verstanden werden, ist nicht das, was er anstrebt.“
    – so schrieb Hermann Funke in „Der Zeit“ zur Eröffnung.

  5. Andreas Praefcke 24.07.2016 09:11

    Aus der Postkarten-Sammlung von Andreas Praefke:

    http://www.andreas-praefcke.de/carthalia/germany/berlin_philharmonie.htm

  6. admin 24.07.2016 09:33

    His Master´s Voice – Interview Sophie Lovell´ mit Edgar Wisniewski (auf Englisch)


    Wisniewski mit Scharoun bei der Beleuchtungsprobe im Foyer der Philharmonie 1963

  7. Denis Ouaillarbourou 24.07.2016 09:34

    „…Called to build the concert hall of the Berlin Philharmonic, the most iconic German institution, and remained in the West, Hans Scharoun decides to tell a story.“ – eine Reisenotiz von Denis Ouaillarbourou (Französisch und Englisch).

  8. architectuul 24.07.2016 09:39

    In der Filmreihe „Architects in Love“ sprechen Lena Kleinheinz und Martin Ostermann (magma architecture) 2003 von ihrer Sicht der Berliner Philharmonie.

  9. Darja Jurowskaja 24.07.2016 09:46

    50 Jahre Berliner Philharmonie: Musikgeschichte als Landesgeschichte („50 лет берлинской филармонии: история музыки как история страны“)

    Darja Jurowskaja schreibt einen Komplettumblick über die Philharmonie von ihrer Entstehung an – und selbst wer des Russischen nicht mächtig ist, kann vermittels der Bilder viel lernen.

  10. admin 22.08.2016 07:09

    Edwin Heathcote fragt sich im „Financial Times“ angesichts des Neubaus in London, „warum die Konzertsäle denn immer so teuer sein müssen?“ — eine berechtigte Frage. Formspiele werden angeführt, Eigenstolz, aber auch daß die „Schuhkartons“ alter Prägung viele unzulängliche Sitze aufwiesen… Dann der Blick nach Berlin: die Philharmonie wird zitiert.

    „…arguably the finest and most influential concert hall of the modern age, Hans Scharoun’s Berliner Philharmonie. Built in 1963, this was a truly radical building. A reaction to the symmetry and hierarchy of traditional concert halls, one-time expressionist architect Scharoun designed an egalitarian building that appeared as much like landscape as architecture. Still looking remarkably contemporary (look at that roof profile and compare it with the Elbphilharmonie) this was a deliberately anti-monumental building, a riposte to the Nazi obsession with classicism, symmetry and solidity.
    Scharoun’s auditorium is itself broken into parts, its volume fragmented and made informal through a series of staggered terraces that create a topography around the stage. This is the musical version of theatre in the round in which there are no inferior seats. Accommodating 2,440, it proved a brilliant way of expanding the audience without compromising on closeness to the orchestra or acoustics.
    This “vineyard style” became the default layout. Today, almost every major international venue, from Gehry’s Disney Concert Hall in Los Angeles via Nouvel’s Paris Philharmonie to Zaha Hadid’s Guangzhou Opera House is a variant of this design.“

    Was Herr Heathcote vergißt: die Philharmonie wurde ursprünglich auf 7 Millionen DM kalkuliert. Gebaut wurde sie für 13 Millionen. Nach den heutigen Werten wären es, je nach Umrechnungsart, 21-25 Millionen Euro.
    Was die Preise heutiger Säle immer noch um 30 Mal unterschreitet.

  11. Anne-Sophie Mutter 01.01.2017 13:09

    Aus der schweizer Zeitschrift „Du: die Zeitschrift der Kultur“, 2014-845

    „…Die Philharmonie wurde zu meiner musikalischen Heimat. Es passierten dort so viele wunderbare Dinge, all die Aufnahmen, die Konzerte, das unvergleichliche Ensemble. Ich liebe auch das Berliner Publikum, ich erlebe es immer als sehr spontan. Deswegen spiele ich so oft in Berlin, vielleicht sogar zu oft. Es gibt ja viele Versuche, den Saal zu kopieren — die Disney Hall in Los Angeles wurde der Philharmonie nachempfunden —, aber in Berlin steht nun einmal das Original mit der einzigartigen Akustik. Der Saal ist untrennbar mit dem Orchester verbunden und wird immer mein Massstab bleiben, wo immer ich auch spiele.
    Umgekehrt muss man fairerweise sagen, dass es für ein Orchester auch positiv sein kann, wenn der Saal eine katastrophale Akustik hat, wie es beispielsweise in der alten Concert Hall in Philadelphia war. Das Orchester dort ist weltberühmt für seinen besonders schönen, satten Streicherklang. Als ich vor einigen Jahrzehnten erstmalig dort spielte, war ich entsetzt über die dortige Akustik, das war trocken wie ein Opernhaus. Das Ensemble hat sich, um dagegen anzukämpfen, eine Spielästhetik zugelegt, die absolut ungeheuer ist. Nur: Macht es Spass, in so einem Sarkophag zu spielen? Nein, es ist ein grosses Geschenk für die Musiker wie für die Zuhörer gleichermassen, wenn man Musik in einer so perfekten Umgebung wie der Berliner Philharmonie erleben darf. Es gibt nichts zu verbessern — nicht einmal die Buletten backstage, die sind auch köstlich! Und wenn ich in Berlin bin, nehme ich manchmal den Seiteneingang, der ins Dirigentenvorzimmer führt, so wie Herr von Karajan das immer getan hat. Eine besondere Erinnerung, die ich mein Leben lang pflegen werde.“

  12. Gisela Grönewald 26.02.2018 11:23

    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Für ein Referat in der Schule über die Philharmonie Berlin wird von den Lehrern Grösse, Höhe und Länge der beschriebenen Gebäude erwünscht.
    Könnten sie mit bitte mitteilen wie diese Angaben bei der Berliner Philharmonie sind?

    Mit freundlichen Grüssen,
    Gisela Grönewald

  13. Dimitri Suchin 27.02.2018 05:34

    Sehr geehrte Frau Grönewald,

    Das Gebäude des Großen Saales – ich nehme an, Ihre Frage bezog sich auf diesen – ist mit seinen Anbauten für Garderoben, Foyers, Büros und Proberäume recht zerkluftet. Da ich annehme, daß Sie just diese, in der Literatur tatsächlich nicht vorkommenden Außenmaße interessieren, griff ich für Sie die Extremitäten ab: im Erdgeschoß, vom Vordach des Haupteinganges bis zur Hausmeisterwohnung, beträgt die größte Ausdehnung 121,5m. Rechtwinklig dazu beträgt ein Projektionsmaß von den Eckpunkten an der Bar am Musikinstrumentenmuseum und am Proberaum am Übergang zum Kammermusiksaal weitere 91,5m.
    Die Höhe, gemessen von der Oberkante Fußboden Foyer bis zur Spitze des Daches, beläuft sich auf 35,25m.

    Ich hoffe, Ihnen dabei geholfen zu haben und wünsche Ihrem Referat viel Erfolg.
    Mit organhaftem Gruß, D.B.Suchin

  14. Moritz Schimpf 28.09.2018 15:42

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich beschäftige mich schon länger mit den Berliner Philharmonikern und ihrer Historie.
    Für eine Projektarbeit habe ich großes Interesse an der Entstehungsgeschichte des Fünfeck-Logos der Berliner Philharmoniker.
    Haben Sie dazu in Ihrem Archiv vielleicht ein paar Detail-Informationen oder sogar Skizzen?
    Das wäre sehr spannend für mich.
    Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

    Beste Grüße.
    Moritz Schimpf
    Büro für Markengestaltung
    und Kommunikationsdesign

  15. Visit Berlin 29.09.2018 06:54

    Aus Anlaß des 125. Jubiläums Hans Scharouns veranstaltete „VisitBerlin“ ein „Instameet“ im Großen Saal und im Kammermusiksaal der Philharmonie.

    goerss.de:


    nhmml:

    steffimarla:

    berlinphil:

    loewe7:


    gregorklar:


    rooster_photodesign:

    visitberlin:

    acoffeesnob:

    maibowle:

    chrisokamoto:

    berlineye:

    mulinarius:


    s_wilbo:

  16. Dimitri Suchin 30.09.2018 08:14

    Sehr geehrter Herr Schimpf,

    …in der Bauwelt, Heft 1-2 von 1964, (wird) das dreifache Pentagramm im Saal als ein Symbol der Einheit von Mensch-Raum-Musik beschrieben. (Edgar) Wisniewski wiederum sprach von der Dreiheit Körper-Seele-Geist eines Menschen im Saal. Dieser zweite Dreiklang – um die Jahrhundertwende verbreitet, die Werdenszeit Scharouns – erscheint im Zusammenhang mit dem Pentagramm schlüssiger: dem Pentagon wurde im symbollastigen Mittelalter eine besondere Bedeutung zugemessen – und auch jene Mittelalterromantik war in der Jugendzeit Scharouns Usus. Dombauhütten benutzten dieses Pentagramm im Glauben, es handele sich um eine Figur, die in der Natur nicht vorkomme. Eine Figur also, die belegt, ein Geschöpf sei selbst ein Schöpfer – eine wichtige Streitfrage damals. Folgen wir dieser Lesart, wird ein „tänzelndes“ Dreifach-Pentagramm zum Symbol für Körper, Seele und Geist eines schöpferischen Menschen. Wo die Philharmonie in sich ein Bau ist, welches zum Mitschwingen, zum Mitmachen geradezu auffordere, wo jeder Besucher sich den Saal gedanklich neu erschafft…
    Mir ist nicht bekannt, daß Scharoun irgendwo eine bestimmte Lesart für diese Figur festsetzte.
    In den Zeichnungen des 1956-Wettbewerbs fehlt sie.

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