Wenn der Lob sich überschlägt

Unter dem Obertitel „Wege zur Kunst“ veranstaltet der Theaterring Wolfsburg eine Vortragsserie Martin Wellers, des hochverdienten langjährigen Orchesterdirektors aus Braunschweig. Am 5. November 2023 war die „organische Architektur“ dran.

Für die ihm bestens vertrauten Räume des Scharoun-Theaters findet Martin Weller neue, eigene Lobesworte. Besonders die „Stadtloggia“ des Foyers und der „Verstärkerraum“ im Rücken der Zuschauer haben es ihm zugetan. Die Bewertung ist umso mehr hervorzuheben, da diese Raumlösung verschiedentlich als Gimmick oder Überbleibsel verblichener Versionen abgetan wird. Auch die Sicht auf das Kulturforum als ein „Raum der Verdichtung“ (verglichen mit der aufgelockerten Bebauung eines Hansaviertels) müßte häufiger vor Augen geführt werden.
Bis zu diesen Höhepunkten ist aber ein langer Weg. Übersät mit Grammatik-Opfern („mit einer Professur versehen“ usw.) und aus der Bilderwahl erkennbaren Textkürzungen („keine Bäume“ wird wiederholt vor Wohnneubauten bemängelt, hätte aber vor die Hinterhöfe gemußt), aber auch faktischen Fehlern:

  • Man spricht von „Stadtvillen“, die „keine exemplarisch wichtigen Gebäude“ seien, von „Wohnmaschinen“, denen es bloß ums „Funktionieren“ ginge. Nicht nur waren diese Begrifflichkeiten Scharoun fremd — unter den so unwichtigen „Villen“ werden Bauten wie Haus Baensch zusammengefaßt, die besten Wohnlandschaften der Epoche.
     
  • Überzieht man „Neobarock, Neorenaissance, Neoromantisch, Neogotisch … mit Blumen, Pflanzen und so weiter“, entsteht kein „Jugendstil“. Bestenfalls ein einfallsloses Imitat. Dagegen kann es wohl gelingen, Gründerzeitfassaden ins Neue Bauen zu überführen.
     
  • Die „Reihenhäuser“ kommen vor, erst in der „Onkel-Toms-Hütte“ als „ein Paradies … für Leute die einem Hinterhof gewohnt haben“, dann am Haus Schminke, einer Vermählung „der Wohnblockbebauung und der Reihenhausbebauung“. Wie vollzog sich nur dieser sonderbare Bund?!
     
  • Seit je her rätselhaft die Sicht, an der „Villa Schminke“ sei „kein rechter Winkel“, nirgends — neu dagegen, Scharoun habe „…auch Möbel entsprechend entwickelt“. Im Bild stehen dafür die roten Glasfaser-Stühle von Ernst Moeckl aus 1965–1968, ein Verweis auf die Pionierhaus-Episode.
     

     
  • Die Bebauung der Mäckeritzstraße in der Siemensstadt ist mitnichten „im Bogen gestellt, damit man links und rechts nichts hinbauen kann“: links von ihr ist eine Straßenkreuzung, rechts ein Bahndamm; auch die Straßenführung war eine Vorgabe, der Scharoun eine gefällige Form gab.
     

     
  • Die einzeln verschiebbaren Vorhänge an den Balkonen des „Panzerkreuzers“ „ruinieren“ keinen „ästhetischen Ansatz“ — sie sind ein Teil des Entwurfes! Lake Shore Drive ist eben nicht Jungfernheideweg! „Atelierwohnungen“ in den Haering-Häusern an der Goebelstraße sind bis dato nicht bekannt geworden — es sind Trockenböden.
     

     
  • Das „Ausgeschlossensein“ Scharouns „von öffentlichen Aufträgen … zwischen 33 und 45“ deckt sich schlecht mit 24 Bauaufträgen von der „Neuen Heimat“ usw. und einem Forschungsauftrag von der keineswegs privaten Akademie.
     
  • Gewiß stehen Adler und Sallivan in der Ahnenreihe des organhaften Bauens. Ihr „Auditorium“ ist nichtdestotrotz ein längliches Viereck mit übereinanderhängenden, bis zu 45° steilen Rängen, der Sitzplatzanzahl wegen hineingeschoben — die „aufgelösten Reihen, schon fast die Weinbergsfelder“ lassen sich schlecht wiederfinden.
     

     
  • Gesichert ist auch, daß es anfänglich „taube Stellen“ im Saal der Philharmonie gab — vom „überhaupt nicht gehört auf der Bühne“ weit entfernt. Der Grund war in der Stellung des Musikerpodestes, kurz vor Eröffnung von unbekannter Hand dazu noch lackiert… Beides wurde bald darauf korrigiert. Die „Dreiecke“ (Deckenresonatoren) waren hingegen schon immer da. Die Segeln auch (sind aber nicht dreieckig).
     

     
  • An unzureichender Raumausstattung leidet die Philharmonie von Anbeginn, doch wurden die Stimmsäle nicht „vergessen worden“, das Wort wäre: „weggespart“. Im „Haus der Mitte“ waren sie mit vorgesehen. Sonderbar die Wortwahl bei „mann kann nicht mehr anbauen, ohne die Gesamtkubatur zu ändern“ — der Kammermusiksaal und das Musikinstrumentenmuseum sind sehr wohl angebaut worden! Bereits im ersten Modell ist der Anbau des Kammermusiksaales mit dabei (O-Ton: „Modell ohne Kammermusiksaal“). Geplant waren auch noch weitere mehr.
     

     
  • Der tragische Tod des Oboisten Hermann Töttcher geschah bereits 1959, die Grundsteinlegung der Philharmonie dagegen 1960. Welches „herabstürzendes Teil“ von ihr erschlug ihn und wie?
     
  • Die „Materialität von Schiffsleinwand“ an den Außenwänden der Philharmonie bleibt unergründlich — sehr wohl wollte Scharoun eine Fassadenverkleidung, ließ 1:1 Muster aufstellen usw. Für eine 300000 DM Ersparnis wurde auf sie verzichtet, was eine erhebliche Umplanung verursachte. Man denke nur an die Verlegung der gesamten Dämmung! Erst 1978–1981 sanierte man die naßgesozene Mauern und verkleidete sie nach Scharouns Freigabezeichnung von 1970: „nicht im Sinne von Scharoun“?!
     

     
  • Über den „kommunikativen Zwangscharakter“ des Foyers ließe sich streiten, andere loben geradezu überschenglich, wie der Weg sich den Besuchern wie von selbst erklärt. Die „Farbduschen“ darin sind aber ganz gewiß keine „Verbeugung vor dieser wunderbaren Fassade der Gedächtniskirche“ — einfach weil Egon Eiermann seinen Wettbewerb im März 1957 gewann, und nicht mit der 1963 eröffneten Fassung der Gedächtniskirche, Scharoun aber seinen Philharmonie-Entwurf bereits 1956 anfertigte.
     
  • Gewiß entstand 1952–1953 die Matthäikirche in Pforzheim, von Eiermann rot und blau rundumverglast, doch lassen sich die bunten Rundlinge bei Scharoun bis ins Haus Mattern, Haus Baensch usw. zurückverfolgen.
     

     
    Das „zusammengearbeitet auch nach dem Krieg“ bedarf zumindest der Klärung: Eiermann hatte durch den Krieg ein gutgehendes Industriebau-Büro, verlegte es 1944 ins Berliner Umland und ging 1946 in den Westen. Wann sollten diese konträren Charaktere zusammengearbeitet haben und woran?..
     

Erneut bitten wir alle Autoren um Genauigkeit – und leisten gerne unseres, damit Ihre Vorträge usw. gelingen. Sprechen Sie uns an, damit Ihre Einsicht sich angesichts der Fehler nicht ins Gegenteil verkehrt!

Drive-In im Hansaviertel, Berlin

Entwurf für die Interbau-Ausstellung, ohne Beauftragung. Erdgeschoß-Anbau an das Baldessari-Hochhaus in der Bartning-Aleee, wo ursprünglich PKW-Parkplätze vorgesehen waren.

Nicht verwirklicht.

Siehe auch Bebauungsplan-Entwurf Hansa-Viertel (Werkverzeichnis 200), Flachbau-Einfamilienhäuser darin (Werkverzeichnis 201) und das Restaurant (Werkverzeichnis 192).

Sieben zum Dritten

Nach den Erfolgen in Köln und Berlin ist die Ausstellung der 7 Scharoun-Modelle des Forschungsseminars des RWTH Aachen in Münster angekommen. Inmitten der Virus-Sperrungen wagten die Studenten den Schritt in einen noch nie untersuchten Bereich: statt bloßer Grundriß- oder Schnittzeichnungen legten sie graphisch und in Modellen die Raumsequenzen frei, die das Erleben Scharoun´scher Bauen so einmalig machen.
Unbedingt besuchenswert.

Eröffnung: 29. Mai 2024, 18:00 Uhr, LWL-Landeshaus, Lichthof, Freiherr-vom Stein-Platz 1, 48147 Münster
Öffnungszeiten: 29. Mai–22. Juni 2024, Montag bis Frreitag 8:30–18:00 Uhr. Am 30. Mai geschlossen
Führungen: 1. Juni, 8. Juni und 22. Juni 2024, 14:00 Uhr
Vortrag: „Der Raum bei Hans Scharoun“, 17. Juni 2024, 19:00 Uhr

Baukultur: Hans Scharoun in Marl

— Was hat Hans Scharoun im Ruhrgebiet gebaut?
— Warum klingt die Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Lünen so gut?

— Diesen und anderen Fragen widmet sich der Vortrag von Frau Professor Dr. Apfelbaum an der Insel-Volkshochschule Marl. Noch sind dafür die Plätze zu haben.

Die Lünener Geschwister-Scholl-Schule und die Marler Scharoun-Schule sind neben dem Fakultätgebäude in Berlin und dem Kindergarten in Wolfsburg die einzigen Bildungs- und Erziehungsbauten Scharouns. Unlängst vorbildlich saniert und von Entstellungen befreit, sind es unzweideutig herausragende Bauten der Epoche — die aber als Ganzes besehen werden sollte. Die Bauhistorikerin Dr. Apfelbaum (FH Dortmund), Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Initiative ruhrmoderne e.V., setzt sich eben dieses Ziel: der Vortrag widmet sich dem Architekten, beleuchtet seinen Weg ins Ruhrgebiet und verortet seinen Schulbau im Kontext seines Gesamtwerkes und der zeitgenössischen Architektur.

Ort: Wiesenstraße 22, 45770 Marl; Raum P1, EG
Zeit: 18.04.2024, 18:30—20:00 Uhr
Eintritt: frei, Anmeldung erwünscht.

Neu im Philharmonie-Shop

Im Jahre 2019 gezeichnet, bei der Matinee zum 60. Geburtstag der Philharmonie mit Erfolg präsentiert, sind die „Farbduschen“-Schals des Kamswyker Kreis e.V. nun auch im Laden im Philharmonie-Foyer vor, während und nach den Konzerten erhältlich.

Im Preis ist eine Unterstützung der Vereinsarbeit mit enthalten: Kamswyker Kreis setzt sich in erster Linie für das früheste erhaltene egenständige Werk Scharouns ein, die Bunte Reihe zu Insterburg (Ostpreußen).