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Aus Anlaß des 80. Jubiläums des „Kollektivplans für Berlin“, 37 Jahre nach der Rekonstruktion von „Berlin plant: erster Bericht“ im „Berliner Mietshaus“ schickt sich das Neue Berliner Kunstverein, die Planungen erneut der Vergessenheit zu entreißen. Die Ausstellung in direkter Nachbarschaft zur Planungsstätte im Scharoun´schen Institut für Bauwesen belegt zwei Säle. Im ersten findet sich, „digital aufwendig wiederhergestellt“, eine auf ¼ reduzierte Kopie der originalen Aufhängung. Im zweiten, wandfüllend große Teile daraus, der Bauschadensplan, der Raumordnungsplan usw., sowie die biographisch-organisatorische Zusammenstellung in Form einer Schiefertafel. Die Materialwahl wird nicht erklärt: darf man wischen und seines dazu setzen? An manchen Stellen täte man es zu gerne — doch wer bringt heute schon Schulkreide in eine Ausstellung mit…

Bereits am Eingang stehen Worte von der Bedeutung der damaligen Schau, und wie sie bis heute bekämpft wird. Da macht der Aufbau der neuen Schau doppelt Sinn: auf einen 25%-Zoom folgen die Einzelthemen und die Kommentare, an den Rückseiten der nachgemachten Tafeln und an den Raumwänden extra groß plakatiert. Modelle, Schaukästen und ein Film ergänzen sie. Und wenn da etwas auf der Strecke bleiben müßte, wie etwa die weniger bekannte Zeichnungen Richard Ermisch´, mit den Königskolonnaden am Nikolaiviertel oder dem Gendarmenmarkt ohne die Kirchen, leistet ein Ausstellungsführer Abhilfe. Ermisch kommt in diesem allerdings auch nicht vor. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

Andere Auslassungen bei der Kontextualisierung sind schmerzlicher.
Die Untersuchungen des unterirdischen Berlins von Ernst Randzio stehen stumm da — dabei ist gerade die These des „Ignorierens des Leitungsbestands“ bei den 1946er– wie 2026er-Gegnern des Planes sehr beliebt und hätte anschaulich widerlegt werden können.
Reinhold Lingner wird aufs Podest gehoben — zurecht. Den Hinweis allerdings, wie das alte Berlin den Wald, den Hügel und den Fluß planerisch mit aller Kraft negierte, ihnen zugleich aber unfreiwillig immer wieder folgte, sucht man vergeblich. Der Satz Scharouns über die Großstadt, die „ihre Form noch nicht gefunden“ habe, bleibt unerklärt, die Logik der Verkehrsbänder Peter Friedrichs ebenso — kein Wunder, daß auch der heutige Kritiker ein „Komplett-Ersetzen-Wollen“ sieht und ein „renaturiertes Urstromtal“, wo vom „Ergänzen“ und „sinnvoll Neuverknüpfen“ die Rede hätte sein sollen.

Wieso die Gartenbausiedlungen und Leitungspläne? Wieso die Plandiagramme zur regionalen Lebensmittel- und Arbeitsversorgung („50km-Kreis“)? Man machte sich die Mühe, die Gartenbausiedlungen am alten Schießplatz Tegel und der Regiment-Göring-Kaserne herauszupolieren — doch ohne eine Erläuterung verkommen sie zu reiner Entwurfsübung. Dasselbe gilt für die 5 nachgebauten „Kunststoffhäuser“ (warum nicht das 6. Haus, „Typ Europa“?). Bereits die knappeste Aufzählung der vielen Engagements von Karl Böttcher, ihrem Konstrukteur und großem Sinngeber der Enttrümmerungsarbeiten, hätte ausgereicht, um das Thema zu verorten!

Aufs „Funktionale Warschau“ von 1934 wird verwiesen, aufs „Neue Moskau“ von 1935 und die Bandstadt Miljutins von 1930 — nicht aber auf die Siedlungszelle Bernhard Reichows und die Studien des Generalbauinspektors seit 1943. Der seit 1945 angelaufene Wiederaufbau Warschaus fehlt! — dabei fuhr ausgerechnet Scharoun persönlich hin, als er 1948 am Friedenskongreß in Breslau teilnahm. Kulturoffiziere der Besatzungsmächte finden sich auf einem Photo und in den Videosequenzen aus der „Möwe“ wieder: amerikanische Re-Education Filme oder die sowjetischen Wiederaufbaupläne eines Alexander Nikolskij, der an den Kollektiv-Sitzungen nachweislich teilnahm, wären hier mindestens genauso angebracht. Von anderen Wiederaufbauten, den Zeitgenossen noch lebhaft in Erinnerung, finden sich bestenfalls Spurenelemente in den Biographien (ein ganz eigenes Kaliber!). Dabei prägen uns die Vorstadt-Bungalows bis heute!

Man darf gespannt sein, was uns die Folgeveranstaltung im ehemaligen Krematorium Wedding bringt, der „zweite Bericht“ oder die „Stunde 0+“.

Ausstellung: 6. Juni 2026 — 2. August 2026
Wo: Chausseestr. 129, 10115 Berlin
Wann: Dienstag—Mittwoch und Freitag—Sonntag 12—18 Uhr, Donnerstag 12—20 Uhr
Eintritt frei.

Symposion: 20. Juni 2026
Wo: Gerichtstr. 35, 13347 Berlin
Wann: 13 Uhr
Eintritt frei.

Ein Kommentar

  1. Die Kritik von Hans Wolfgang Hoffmann in der renommierten Fachzeitschrift Bauwelt fordert zur Klarstellung auf.

    „…Anstatt Berlin wiederaufzubauen, sollte die nationale Kapitale quasi komplett ersetzt werden“. Ein Komplettabriß und auch ein Quasi-Komplettabriß — was immer das auch sei — standen nie zur Debatte. Was dagegen sehr wohl vorgezeichnet war, wenn auch nicht im „Kollektivplan“, sondern in der Ausarbeitung zur „Wohnzelle Friedrichshain“, war ein schrittweisiger und bis dahin als sowieso fällig gedachter Ersatz überkommener Bausubstanz. Bis dahin aber scheuten das Kollektiv und die Bauabteilung des Magistrats kein Einsatz, um die wiederaufbaufähigen Häuser wieder benutzbar zu machen; die in alle Bücher eingegangene Enttrümmerung erfand man nicht aus Ordnungswahn oder als eine ABM-Maßnahme! „Vorwegnahme der Kahlschlagsanierung“ war das jedenfalls nicht.
    „…Exakt nach dem Kollektivplan realisiert wurden zwar nur ein Trümmerberg sowie ein paar Wohnzeilen in Friedrichshain.“ Weder der eine, noch die anderen wurden exakt nach „Kollektivplan“ ausgeführt.
    „…Erst mit der … Wiederentdeckung [des Leitbilds der überkommenen Stadt], die sich von Ende der 60er bis in die 80er Jahre Bahn brach, wanderte der Kollektivplan in den Giftschrank“ Der Plan wurde bereits 1946 abgelehnt. Die Alliierten beschlagnahmten ganze Areale für sich — und machten aus der angeblich drohenden Enteignung durch andere ein Politikum. Weder beim Schnellstraßenplan des Senats, noch bei den Flächenabrissen in Wedding oder Kreuzberg nahm man auf diesen Bezug. Den einen war er zu SED-nah, den anderen zu himmelstürmend, der Vorwurf der Mißachtung der „Bodenhypothek“ machte bereits damals die Runde und ist keine „Suggestion“. Bei der ersten Wiederentdeckung seiner („Das Berliner Mietshaus“) wie bei der zweiten jetzt steht es in der Präambel, es handele sich um einen vergessenen Plan.
    „…zumal „Berlin plant“ nicht wie seinerzeit das Stadtschloss bespielt, sondern die blütenweiße, städtisch bestens eingebundene Vereinsgalerie.“ Schade, daß diese prächtige Idee nicht früher aufkam: der Ausstellung wie dem „Schloß“ täte sie gut.
    „…eine digitale Auffrischung, wodurch die Legenden des Kollektivplans erstmals wieder lesbar sind.“ Die meisten waren es bereits vor 40 Jahren („Das Berliner Mietshaus“)
    „…ohne hinterherzuschicken, dass an bezahlbaren Behausungen derzeit genauso Mangel herrscht.“ Die Auswahl bestimmter Vertiefungsthemen und das Fortlassen anderer ist kein ausreichender Bedeutungshinweis?
    „…Radikalpazifismus … auf Militärarealen (etwa dem Flughafen Tegel) Selbstversorger-Familien ansiedeln.“ Solche „Friedensrezepte“ waren keineswegs eine naive Erfindung des Kollektivs: bereits zur Weimarer Zeit wurden Kasernen zu Wohnhäusern und die Schießplätze wie Tegel zu Schrebergärten. Eine Neuauflage dessen auf dem „Schering“ in Wedding könnte aber gut ins gerade diskutierte IBA-Ringbahn-Konzept passen.
    „…Laut Kollektivplan hätte Berlin, um alle Einwohnerinnen und Einwohner unterzubringen, seine Siedlungsfläche auf rund ein Drittel von Brandenburg ausdehnen müssen“. Im Plan eingezeichnet ist ein Lebensmittel-Versorgungsbereich um die Stadt, der heute bei als lokal geltenden Ergeuznissen fast genau so praktiziert wird.
    „…Zudem zeigen aktuelle Senatsstudien, dass Hitzestress in Licht-Luft-Sonne-Kolonien à la Kollektivplan genauso zuhause ist wie in Mietskasernen-Quartieren.“ Da keine Kolonie umgesetzt wurde, ist die Beweiskraft jener Studien gering einzuschäthen. Gewiß wären die Leichtbauten, wenn 1946 umgesetzt, ersteinmal Baracken. Nissenhütten, vielleicht aber schon die Fertighäuser der in der Ausstellung gezeigten Art. Begleitet von Bäumen, Büschen und sonstigerlei… Ob der Begriff „Hitzestreß“ nach 80 Jahren Bauens und Lebens in solcher Umgebung überhaupt erst aufgekommen wäre?
    „…Partizipationsargument. Es speist sich aus der Tatsache, dass Scharoun & Co ihrem Arbeitgeber den Kollektivplan unterschoben.“ Bei den drei Bauausstellungen des Jahres 1946 wurden die Bürger eingeladen, eigene Ideen einzureichen, sowohl planerischer als auch konstruktiver Art. Und sie taten es in großer Zahl. Daß alle Vorschläge mit dem „Kollektivplan“ untergingen, steht auf einem anderen Blatt; sie sind — auch dies ist in der Ausstellung und auch beim Symposium angesprochen worden — bisher nicht aufzutreiben gewesen.
    „…bar jeder demokratischen Legitimation.“ Vor der ersten Berlin-Wahl 1946 hatte keiner eine solche. Die Hausbesetzer der 1970er hatten sie auch nicht.

    „…Nach dem Festival werden sämtliche Beiträge zur n.b.k.-Dokumentation gebündelt. Dieses Buch dürfte zum Standardwerk avancieren.“ Das wäre zu wünschen — wenn davor die Fehler beseitigt werden, die die Kuratoren, gewollt oder ungewollt, in die Welt setzten. Die Bauwelt-Kritik ist dem ein Zeugnis.

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