Höhere Belange?

Die Berliner Siedlung Charlottenburg-Nord ist ein Meilenstein des wirklich sozialen, ein Sozium bildenden Wohnungsbaues. Ihr voraus ging ein Forschungsprojekt zur Wohnungsnot der 1950er Jahre, der Familienzuschnitte, der Fahrtwege, der erwarteten Wandlung usw., resultierend in einem Wohnungsmix, der an Vielfalt seines gleichen sucht, und im charaktervollen Städtebau aus mehreren „Wohngehöften“. In Anerkennung dessen steht die Siedlung unter Denkmalschutz.

Einige Grundrisse der Siedlung.

Doch der Denkmalschutz ist bekanntlich Verhandlungssache und hat sich zu fügen, wenn Wohnkomfortverbesserungen anstehen, Arbeitsplätze geschaffen werden, oder auch die Unterbringung benachteiligter Gruppen ansteht. Dazu zählen insbesondere Studenten — ein Zimmer in einem Studentenwohnheim oder einer WG zu ergattern war auch früher schon schwierig, und ist in Berlin der 2020er Jahre nicht leichter geworden.

So klang es, als der Baustadtrat Schruoffeneger bekanntgab, ein Studentenhaus komme hinter die Vermittlungsstelle am Letterhausweg. Mitten am Eingang zur Siedlung, meterweit hinter den Grenzen des Denkmalbereichs. Auffällig: die Bekanntgabe erfolgte rückwirkend und versteckt, und auch die als Begründung für die Freigabe angegebene „erhebliche Veränderung“ des Siedlungsgefüges, aufgrund der der Neubau nicht ins Gewicht falle, ließ sich nirgends verorten.

Die Visualisierung (Blick zum Heilmannring) läßt die dahinterliegende Bebauung aus.

Nun steht das Haus, vom Eigentümer „Spreetal Living“ getauft, und bietet in 20-50m²-Einheiten „alles, was das studentische Herz begehrt“ in einem „raffinierten Neubau der Extraklasse“: Wohnen mit Parkett, gefliestes Duschbad, „eine praktische Küchenzeile“, Balkon und Aufzug, eine Wärmepumpe und ein „Smart Home System zur Steuerung und Automatisierung von Licht, Heizung, ggf. Kühlung und Markisen/ Rollläden“. Kurzum: „gehoben“. Während in Berlin im Durchschnitt 4.410 €/m² verlangt werden, stehen hier Preise ab 9.274 €/m² im Prospekt. Sie haben sich nicht verlesen: hier wurden mitnichten Schlafplätze für die geldklamme aber ideenreiche Jugend geschaffen worden, es sind — Eigentumswohnungen mit dem Blick nach Hamburg und Süddeutschland. „Firmenwohnungen“, nennt sie unverblümt eine der Anzeigen.

Grundriß einer EG-Wohnung

Ein Bauplatz, der nicht bestehen dürfte.
Begründungen, die auf den Bau nicht passen.
Zuschnitte wie aus dem Hühnerstall: wer zieht da freiwillig ein, bei Preisen, die das überhöhte Berliner Niveau weit hinter sich lassen?! Sind das die „höheren Belange“ von heute? Oder wurde hier gar absichtlich unverkäuflich gebaut, um bald darauf mit Verweis auf Leerstand eine Umnutzung hin zu dem wahren Zweck des Baues durchzusetzen?

Fragen, die schon beim Bauantrag hätten auffallen sollen.

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