Offener Brief zum Erhalt der kunsthistorischen Architekturgeschichte in Berlin

Mit größter Sorge geben wir ein Appell wieder, am 09.06.2026 gerichtet an die Präsidien und zuständigen Dekanate der Humboldt-Universität, der Freien Universität und derTechnischen Universität Berlin:

Sehr geehrte Damen und Herren,

es droht die Abschaffung der Architekturgeschichte an den drei größten Berliner Universitäten. Diesen Verlust können wir uns weder als Fach noch als Gesellschaft leisten. Kunstgeschichte ist ohne Architekturgeschichte schlichtweg nicht zu studieren. Die Formensprache und Entstehungsbedingungen der bildenden Künste vom Mittelalter bis zur Gegenwart sind mit der Bau- und Raumkunst aufs engste verbunden und nur in dieser Verbindung angemessen zu verstehen. Doch nicht nur für die Disziplin selbst, auch für die Gesellschaft sind architekturgeschichtliche Fach- und Methodenkompetenz unverzichtbar, um den anstehenden Herausforderungen zu begegnen.

Architekturen prägen Gesellschaften, sie schaffen Ordnungen in sozialen Aushandlungsprozessen und in alltäglichen wie nicht-alltäglichen Lebensvollzügen. Durch ihre besondere Präsenz und Strahlkraft befördern Bauwerke Lebensqualität oder schränken sie ein und bilden unverzichtbare Kristallisationspunkte für die Konstruktion urbaner, sozialer, europäischer u.a. Identitäten, die wir als kulturelle Wesen zum Leben brauchen. Baukultur ist, mit einem Wort, eminenter Bestandteil unserer Welt und muß als solcher integraler Teil kulturwissenschaftlich orientierter Forschung und Bildung bleiben. Architekturgeschichte berührt ein breites Spektrum an Aspekten, die uns heute in- und außerhalb akademischer Kontexte sehr unmittelbar betreffen – auch und gerade in Berlin! Die Hauptstadt ist mit ihrer hochkarätigen baulichen Überlieferung und wechselvollen Geschichte vom Aufstieg zu einer Metropole von europäischer Strahlkraft, ihrer Vereinnahmung durch Diktaturen, ihrer
leidvollen Zerstörungs- und vielschichtigen Wiederaufbaugeschichte, den vielfachen gesellschaftlichen Um- und Aufbrüchen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart immer ein architektonisches und städtebauliches Experimentierfeld gewesen, wie es in Europa nur wenige gibt: ein Experimentierfeld, das erhalten und gepflegt, aber eben auch intensiv erforscht, wissenschaftlich diskursiviert und in der Lehre vermittelt werden muß! Wie nicht zuletzt die aktuelle Debatte um Erinnerungskultur zeigt, kann dies nur im internationalen Vergleich und unter Berücksichtigung sich ständig erneuernder Forschungsparadigmata erfolgen.

Was in Berlin geschieht, hat Strahlkraft weit über die Stadt- und Landesgrenze hinaus. Gerade hier stehen Fragen der geistes- und kulturwissenschaftlichen Eingebundenheit baulicher Zeugnisse, ihrer besonderen Schutzwürdigkeit, aber auch ihrer identitären Vereinnahmung national und international unter besonderer Beobachtung. Angesichts verbreiteter Tendenzen zur Demokratie- und Wissenschaftsfeindlichkeit sind wirtschaftlich wie politisch unabhängige Personen, die aufgrund fachlicher Expertise imstande sind, zu solchen und anderen Fragen wissenschaftlich begründet Auskunft zu geben und unser Wissen durch unabhängige Forschung voranzubringen, gerade im Bereich der Architektur- und Städtebaugeschichte nötiger denn je. Und auch im Hinblick auf eine nachhaltige Weiterentwicklung der Stadt kommt architekturgeschichtlichem Wissen eine zentrale Rolle zu: Ressourcenschonende Umbaukultur ist ohne eingehende Erforschung des baulichen Bestandes und seiner historischen Bedingungen nicht zu haben. Nur in der Verbindung von Kultur-, Sozial- und Technikgeschichte kann das Potential vorhandener Wohn-, Verkehrs- und Bildungsbauten, von technischer Infrastruktur, von Grünflächen, Gärten und Parks erkannt und für die Zukunft genutzt werden.

Die architekturgeschichtlichen Professuren der Berliner kunsthistorischen Institute stellen nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Forschungsinfrastruktur der Hauptstadt zentrale Anlaufstellen für Forschende aus dem In- und Ausland dar. Zugleich bilden sie für diesen Standort und darüber hinaus Studierende zur Arbeit in Denkmalämtern, Sammlungen und Museen, in Fachpresse und Verlagswesen, in Architekturbüros sowie zahlreichen weiteren Berufsfeldern aus. Wir sind überzeugt, daß es sich gerade ein Land wie Berlin nicht leisten kann, auf die Heranbildung eigener Nachwuchskräfte in diesem zentralen gesellschaftlichen Wissens- und Diskursfeld zu verzichten.

Vor diesem Hintergrund rufen wir Sie eindringlich und mit allem Nachdruck dazu auf, die Zukunft der kunsthistorischen Architekturgeschichte in Berlin zu sichern und die Professuren auch in Zukunft zu erhalten.

Jun.-Prof. Dr.-Ing. Christine Beese (Kunstgeschichtliches Institut, Ruhr-Universität Bochum)
Prof. Dr. Jens Niebaum (Institut für Kunstgeschichte, Universität Münster)

Mit Unterstützung des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte
Prof. Dr. Kerstin Thomas, Erste Vorsitzende,

Prof. Dr. Peter Schmidt, Zweiter Vorsitzender,
Prof. Dr. Carolin Behrmann, Repräsentantin der Berufsgruppe Hochschulen und
Forschungsinstitute,

Dr. Martin Bredenbeck, Repräsentant der Berufsgruppe Denkmalpflege

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