Siedlung Kamswyken, Insterburg

Selbstversorger-Stadtrandsiedlung: zwei dreigeschossige Mietshäuser entlang der Kamswyker Allee, zwei zweigeschossige Stadtvillen und 16 zweigeschossige Reihenhäuser beidseitig der Straße „Bunte Reihe“, wonach die Siedlung umgangssprachlich bekannt ist.

Frühestes erhaltene eigene Bauwerk Scharouns und frühestes Bauwerk des „Bunten Bauens“, errichtet von einem der Unterzeichner des Aufrufs von 1919.

Bis auf eines der Dreigeschosser und zwei umgebaute Reihenhäuser erhalten. Seit 2010 ist die Siedlung ein „Neuaufgefundenes Denkmal“ nach russischem Recht, seit  2014 — eines der „Sieben meistbedrohten Kulturdenkmäler Europas“ nach EuropaNostra, seit 2017 ein „Denkmal von gesamtstaatlicher Bedeutung“ („Bundesdenkmal“).

(3) Kommentare zum Beitrag “Siedlung Kamswyken, Insterburg”

  1. admin 21.06.2016 22:44

    Bunte Reihe“ – eine Flickr-Sammlung moderner Aufnahmen von Nikolai Wassiljew.

  2. admin 21.06.2016 22:56

    Russian architect fights for German Modernist housing estate“ — Sophia Kishkovsky schrieb auf „The Art Newspaper“ 6´2015.

  3. Dimitri Suchin 25.10.2017 02:53

    Ostwerk Scharouns

    Verschiedentlich brachen Architekten, Literaten und Dilettanten in großen Touren auf, fremde Länder zu erkunden.
    Gewollt oder ungewollt, ohne neue Erkenntnisse kehrte keiner Heim. Meine Mitbringsel aus dem kurzen Helbstausflug 2007 auf Spuren Scharouns nach Breslau, Königsberg und Insterburg brachten mich auf eine unerwartete Idee:

    Den ehedem deutschen Osten haben wir verloren. Nicht daß deutsches Erbe ausgelöscht sei, im Gegenteil! Es ist ausgerechnet die emsige Erinnerungsarbeit, der Prachtbände-Getrommel von “Unserem Schlesien” oder “Preußen einst”, was nach hinten feuerte: Wissensnot bei Erinnerungsflut!
    Wie das? Nun, was verbindet ein Otto-Normalstudent mit beispielsweise Breslau? Bestenfalls die Jahrhunderthalle Bergs, oder die Pavillons Poelzigs, vielleicht noch die WuWA. Alle in schönst zugerichteter Schwarz-Weiß-Singularität. Kein Wort vom Leben und Streben darinnen, wo uns sonst die Stuttgarter Schule oder die Braunschweig-Connection aufwendigst ausgeleuchtet, die Vorläufer und Auswüchse protokolliert… Doch Breslau? Schlesischer Werkbund? Die Kunstakademie? — dabei liest sich ihre Professorenliste wie “Deutschlands beste Architekten 1911-1932”!
    Von Orten wie Insterburg ganz zu schweigen.
    Einprägsames Schwarz-Weiß wirkte wie eine Lizenz zum Vergessen: stünden die Bauten noch, hätte man sie doch wieder aufnehmen können, oder? Und da sie nicht stehen, waren sie wohl wenig Wert. Doch weit gefehlt! Frei nach Alexander von Humboldt: um seinen eigenen Stand zu lernen, muß gerade ein deutscher Architekt Schlesien und Preußen gesehen haben, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen sollte. Dort waren Russen wie Polen, 1945 einquartiert, stark genug und arm genug um unser Erbe zu erhalten.

    ***

    Mit dem Kriegsbeginn meldete sich Hans Scharoun freiwillig. Von der TH Charlottenburg kam er nach Stallupönen, Gumbinnen, und später ins Bauberatungsamt Insterburg. Dort waren etliche Landstriche nach dem russischen Einfall zur Kiegsbeginn verwüstet, und sollten wiederhergestellt, aber vor Wildwüchsen geschützt werden. Nach Kriegsende führte er das zuvor dem Militärkommando unterstellte Büro als freier Architekt weiter. Mitte 1920er verließ er die Stadt, dem Ruf als Professor nach der Breslauer Kunstakademie folgend.
    An die Hochschulbank kehrt er nie wieder zurück.
    Was geschah mit Hans Scharoun in Insterburg?
    Wie prägte er diese Stadt — und wie prägte sie ihn?

    Das Werksverzeichnis Scharouns weise über 25 Bauten und Entwürfe allein für Insterburg und Umgebung. Nicht allein Großbauten: Landhäuser und Anwesen, Kleinsiedlungen und Umbauten machen ein Großteil ihrer aus. Scharoun gründet einen ostpreußischen Kunstverein sowie einen “Verein für anständige Architektur”; bringt Kandinski und Mendelsohn in die Stadt.
    1920 heiratet er.

    Ein Jahr zuvor, 1919, kam der “Aufruf zum farbigen Bauen” heraus, unterzeichnet unter anderem vom Hans Scharoun.
    Im Jahr darauf weiht er eine Siedlung Kamswyken am Rande Insterburgs ein, die bereits an die spätere Siemensstadt denken läßt — allerdings in gotisierend-expressionistischen Zügen! Doch bereits hier finden wir flache Dreieckserker, gezackte Balkongitter, besondere Fenster und einen Viertelkreis-Eingangsplatz an der Kreuzung mit der Bahn, von dem die dreigeschossige Wohnreihe an der Kasernenstraße ihren Anfang nahm. Quer dazu ein Stichanger aus zweigeschossigen Vierfamilien-Typenhäusern. Geringfügige Variationen — hier ein Spitzfenster, dort ganze drei; hier ein Erkerpaar, dort die ganze Fassade aufgeworfen — mannigfaltig kombiniert und rot, gelb, blau, grün, weiß angemalt, ließen ein höchst lebendiges Bild entstehen. Nicht umsonst gab jene Stichstraße der Siedlung einen Namen — die “bunte Reihe”.
    Sie strahlt bis Heute!

    Zugegeben, dazu gehöre ein wenig Einfühlungsvermögen.
    Doch die jahrzehntelange Vernachlässigung ließ die Siedlung zum unschätzbaren Hort originaler Schaustücke werden. Die Farben, die Berliner Konservator erst mühsam hervorkratzt, sind hier zum greifen; Farbtafeln lassen sich erkennen; die Fenster, der Verputz ist immer noch der namentliche von 1920.
    Allerdings verblaßt.

    Die Zeit ließ die Siedlung nicht ungeschoren davonkommen.
    Der Eingangsplatz an der Bahnkreuzung wich einem Plattenbau; die zweiten Hausreihe, die (Holz?)Hütten in den Selbstversorger-Gärten, verschwand gänzlich.
    Auch die Akten sind größtenteils dahin.
    Doch die Stadtverwaltung und die Stadtarchivare sind der Erbes bewußt und geloben Besserung.

    (aus einer inzwischen abgeschalteten Homepage)

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