Vertippt

In der Berliner Stadtillustrierten „tip“ schreibt Jacel Śląski über die Architekten der Moderne in Berlin. Ein Rundumschlag — oder ein Selbstverstümmelung in Serie.

Beginnt mit „Zum Ende des 19. Jahrhunderts, begannen Architekten, das alte preußische Erbe abzustreifen.“ — als ob jenes „preußische Erbe“ etwas rückwärtiges wäre. Der preußischen Klassik waren Behrens, Mies oder andere zeitlebens verbinden, preußisch-bunt war unser Scharoun.

Nimmt als ersten sich Peter Behrens vor, mit der AEG-Turbinenhalle als „sachliche[r] Architektur, die klar den Zweck des Bauwerks betonte und sich vom parallel entstandenen Expressionismus abgrenzte.“ Es müßte sich aber bereits herumgesprochen haben, daß jene Maschinenhalle weder sachlich, noch konstruktiv richtig sei, sondern einzig auf den Ausdruck (=Expression) gebaut: die optisch schweren Teile werden getragen, die leichten sind die Tragenden usw.
Weiter werden ihm „mehrere U-Bahnhöfe der Linie 8“ zugerechnet — es gehen zwar ganze zwei Stationen der U8, „Voltastraße“ und „Bernauer Str.“ auf ihn zurück, doch sind es bereits sprachlich keine „mehrere“.

Hans Poelzig wird zitiert, er soll „das im Krieg zerstörte Große Schauspielhaus um[gebaut haben]“ — von Kriegshandlungen in Berlin in 1918 (Umbaubeginn des vormaligen Zirkus) wußte die Welt noch nichts.
Die Zehlendorfer Siedlung am Fischtalgrund „entstand nach Poelzigs Plänen“ und soll eine „moderne“ sein — tatsächlich war es eine ausgesprochen anti-moderne Anlage, ein Riegel vor und ein Manifest gegen die Onkel-Tom-Siedlung. Ihr Gesamtentwerfer war Tessenow, von Poelzig ist da nur ein Häuschen.

Bei Bruno Tauts Hufeisensiedlung sollten die „Bewohner… aus mittleren und unteren sozialen Schichten“ gekommen sein — das war tatsächlich die Intention, die Realität aber war eine ganz andere. Die nicht unerheblichen Mieten sorgten für eine soziale Auslese — wie auch der Bauart, etwa der Reihenhäuser.

Ganz anders bei Walter Gropius. Der ihm gewidmete Abschnitt beginnt mit der charakteristischen Fassade des „Panzerkreuzers“ in der Großsiedlung Siemensstadt, und zieht fort, „Ein herausragendes Beispiel für Bauhaus-Architektur und das neue Bauen in Berlin ist die von Walter Gropius konzipierte Großsiedlung Siemensstadt, die zwischen 1929 und 1931 errichtet wurde und sich rund um den Goebelplatz in Charlottenburg-Nord befindet.“ Hier ist jedes Wort falsch:

  • die Siemensstadt ist keine „Bauhaus-Architektur“, den größten Anteil daran haben Architekten, die am Bauhaus ausgesprochen nicht willkommen waren,
  • der Entwurf der Siedlung ist von Martin Wagner und Hans Scharoun (federführend), auch das abgebildete Haus ist von ihm, Gropius dagegen baute nur ein Riegel am Jungfernheideweg,
  • Am Goebelplatz steht nur ein einziges Haus der „Ringsiedlung Siemensstadt“, und zwar von Fred Forbat. Desweiteren spätere, nicht zur Moderne zählende Bauabschnitte, sowie die Bauten von „Charlottenburg-Nord„.

Martin Wagner wird im Test nicht nur seiner städtebaulichen Leistungen beraubt, auch sein Strandbad Wannsee wird zum „Umbau“ degradiert. Seinen Vorgänger zu nennen, wird schwierig sein.

Bei Erich Mendelsohns „Schaubühne“ wird in der Bildunterschrift fast schamhaft angemerkt, „Jürgen Sawade [habe das Gebäude] wiederhergestellt“. Erzänzenswert wäre. „…nachdem er sie abriß.“

Die „viele… leer stehen[de]“ Wohnungen im Le-Corbusier-Haus sind überraschend, weil bisher nirgends in Erscheinung getreten. Zumal es Eigentumswohnungen sind.

So kommen wir zum Hans Scharoun. Man beginnt mit seinem Laubenganghaus — und rechnet diesen der benachbarten „Großsiedlung Siemensstadt“ zu.
Von seiner Rolle darin steht nur „beteiligt“, sein Tun wird den „Nachkriegsjahren“ zugerechnet. Wobei darin die Mehringplatz-Bebauung auf das „AOK-Hauptgebäude“ reduziert wird.
Vor dem Krieg aber soll sich Scharoun „für den Expressionismus… interessiert“ haben und „lehnte den Rationalismus… ab“ „indem er auch die sozialen Aspekte in die Konzeption seiner Gebäude mit einbezog“. Man möchte fragen, was denn an der Einbeziehung des Sozialen denn antifunktionalistisch wäre — baut ein Architekt denn keine Häuser für das Sozium? Ist das Ignorieren der Nutzerbelange funktional? Es ist ein gemeiner Platz, Scharoun als den letzten Expressionisten zu bezeichnen, auch und gerade wegen seiner Philharmonie. Aber auch an den frühen Entwürfen, etwa am „Börsenhof„, ist er expressiv — und rational.
„Seine stadtplanerischen Konzepte prägen Berlin bis heute“, schließt der Autor. Ein Wunschtraum, dem wir uns gern anschließen.

Rudolf Salvisberg ist dagegen fehlerfrei. Auch bei Otto Bartning kann man der Ausführungen des Autors weitgehend zustimmen. Mies van der Rohe wird auch eine sorgfältigere Recherche verdient haben. Wie Konrad Wachsmann.

Unser Brief an die Redaktion mit der Bitte um Richtigstellung blieb ohne Antwort.

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