Promemoria zur „Kulturscheune“

Die bevorstehende Wiedereröffnung der mustergültig sanierten Neuen Nationalgalerie Mies van der Rohes Ende April 2021 zwingt uns geradezu, last minute noch einmal über die nachteiligen Folgen nachzudenken, die die Errichtung der sogenannten „Kulturscheune“ für diese Ikone der Weltarchitektur und für Scharouns gleichermaßen herausragendes, jedoch bis heute unvollendetes Berliner Kulturforum haben wird.

Auch wenn der kulturpolitisch lang ersehnte Zug eines Museumsneubaus de facto schon abgefahren ist, kann und muss man ihn noch aufhalten und auf ein anderes Gleis umleiten, wenn ein Unfall droht. Tatsächlich stehen viele Signale auf Rot:

Es geht nicht nur um Zweifel, ob der Entwurf des Museums der Kunst des 20. Jahrhunderts, dessen Baugrube seit Dezember 2020 ausgehoben wird, baukünstlerisch den hohen Maßstäben seiner prominenten Nachbarn gerecht wird. Schwerer wiegen die von Anbeginn vorgetragenen Bedenken, dass der Standort an der Potsdamer Strasse, wie SPK-Präsident Parzinger 2013 selbst befürchtete, für die Kommunikation innerhalb des Museumsclusters der drei Galerien am Kulturforum dysfunktional ist und bleibt (leider hat er sich den Wünschen der Stifter und der zu schnellem Handeln entschlossenen Kulturstaatsministerin beugen müssen).

Beunruhigend ist der unseriöse Anstieg der Baukosten auf mehr als das Doppelte der ursprünglich bewilligten 200 Millionen Euro als Zwischenstand noch vor Baubeginn – bei gleichzeitiger Reduktion der Nutzfläche (eine Ohrfeige für alle, die im Wettbewerb ihr Projekt spartanisch kalkuliert hatten und auch für alle, die wünschenswerte kulturelle Investitionen angesichts der horrenden pandemiebedingten Staatsverschuldung gegen konkurrierende gesellschaftliche Interessen glaubwürdig verteidigen wollen).

Alarmierend erscheint angesichts der aktuellen ernsthaften Versuche der Bundesregierung zur Eindämmung der CO-2-Emissionen auf dem Gebiet der Gebäudeeffizienz, dass der überdimensionierte Neubau aufgrund seiner rhetorisch überhöhten Raumverschwendung in Form gewaltiger leerer Passagen und seiner spezifischen Bauweise nach der Einschätzung des Bundesrechnungshofs als hochgradige Energieschleuder eingestuft wurde und damit den Gefahren des Klimawandels nicht gerecht werden wird. Darf man einen solchen Bau der Öffentlichen Hand (den auch hektische Nachbesserungen diesbezüglich wohl kaum werden retten können) sehenden Auges heute noch verantworten?

Inakzeptabel bleibt darüber hinaus nach wie vor, dass der monumentale Baukörper trotz seiner kostspieligen Absenkung in den Untergrund städtebaulich das denkmalgeschützte Ensemble des Kulturforums autistisch und irreversibel zublockt. Da hilft auch keine kosmetische Floskel über einen beabsichtigten „Dialog“. Kein Forum wird entstehen, vielmehr degradiert der neue Nachbar den kostbaren Bestand! Das gilt nicht nur für die mit großem finanziellen Aufwand sanierte Nationalgalerie Mies van der Rohes, deren eindrucksvoller Anblick von der Potsdamer Straße fast völlig verstellt wird, sondern auch für den von Mies einkalkulierten Ausblick auf Stülers großartige Matthäikirche und auf den Antipoden seines Kunsttempels, die Scharoun´schen Philharmonie, die regelrecht „zugemauert“ wird (übrigens ein klarer Verstoß gegen den denkmalrechtlichen Umgebungsschutz). Eine neue Online-Publikation des Architekten Stephan Braunfels „Nationalgalerie Berlin – Erweiterungsbau“ führt in erschreckenden Simulationen nicht nur die Defizite des Bauvorhabens, sondern auch einige der in der Nachfolge Scharouns vorgeschlagenen stadtbaukünstlerischen Alternativen für das Kulturforum noch einmal mahnend vor Augen.

Alea iacta est – Die Würfel sind gefallen? Alles Schnee von gestern angesichts der fortschreitenden Macht des Faktischen? Nicht, solange das Museumsprojekt optimierbar und der Patient Kulturforum noch therapierbar ist! Als langjähriger wissenschaftlicher Beobachter des Berliner Baugeschehens am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Technischen Universität Berlin, ehemaliger Vorsitzender des Berliner Landesdenkmalrates von 1996 bis 2009 und Förderer der Erforschung, Inwertsetzung und fachgerechten Instandsetzung der Architektur der Nachkriegsmoderne erlaube ich mir deshalb, dieses nachdenkliche Memorandum an Sie als Multiplikatoren zu verschicken und Sie zu ermutigen – wenn Sie wie viele kritische Mitstreiter*innen die genannten Bedenken teilen – im öffentlichen Diskurs auf eine Revision des umstrittenen Bauprojektes hinzuwirken. Die Architekturgeschichte kennt durchaus Fälle einer Korrektur von Fehlplanungen post festum. Die bevorstehenden Wahlen im Herbst könnten eine Zäsur für einen potenziellen baupolitischen Neustart der Verantwortlichen darstellen!

Prof. em. Dr. Adrian von Buttlar

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