…et Musis

Im Februar 2021 erreichte uns die Meldung, eine große Ausstellung sei im Kommen: alle Anrainer des Berliner Kulturforums, die Matthäikirche, die Neue Nationalgalerie, die Kunstbibliothek, das Kunstgewerbemuseum, die Philharmonie und die Staatsbibliothek wollten gemeinsam und umfassend die Vergangenheit, vor allem die Visionen zusammenbringen, die je zum Ort aufgestellt. Bevor das „Kultur-Aldi“ hier den Geist des höheren, des Utopischen endgültig austreibt. Geschichte und Potentiale sichtbar und für die Zukunft fruchtbar zu machen war der Anspruch. Man sei, so sagte man uns, bereits sehr weit was die Materialien anbetrifft — nicht verwunderlich, ging es doch jedem um die jeweils eigene Hausgeschichte —, und habe deswegen beschlossen, nur die Zeit bis 1989 darzustellen.
Ein solider musealer Anspruch, aber auch ein Ausschlußkriterium: unsere Scharoun-Gesellschaft, lange an der Ecke Schöneberger Ufer / Potsdamer Str. ansäßig, zog dort vor fast 15 Jahren weg. Kein Anrainer also. Aber zählt der jahrelange Einsatz für die Philharmonie, Kammermusiksaal und Haus der Mitte nicht doch? — er zählte nicht. Bis in die anekdotische Zurückweisung des bei uns angefragten Plakatmotivs nicht.

Zwischen Bildanfrage und unserer Zusage vergingen gerade Mal 20 Minuten… Nicht schnell genug.

Seit 27.08.2021 (und ohne besondere Festivitäten) ist die Präsentation im Saal der Kunstbibliothek und im Internet zu besichtigen.
Die Pläne, Bilder und Namen aus dem „Alten Westen“ füllen ein gutes Drittel des Raumes und haben das Zeug zu mehr — da muß jeder Kurator selektieren, um andere nicht zu kurz kommen zu lassen. So fielen viele Namen fort, die hier einmal verkehrten, und ihre Würdigung erst! — sie wären eine gegebene Verknüpfung etwa zum Kapitel „Germania“. Es ging ja zuweilen um dieselben Häuser, teilweise um dieselben Menschen! Löblich die Passage zum Weimar am Kemperplatz — doch ein Hugo Haering fehlt gänzlich mit seinem preußischen Regierungszentrum als Gegengewicht zu den Reichsbauten am Platz der Republik. Und ist die Mär von angeblich geplanter Umbenennung Berlins in Germania nicht langsam schon entblößt?
Aus der Vorgeschichte zum Forum im eigentlichen Sinne kommend, freut man sich über die seltenst gezeigten Museumsentwürfe, sogar über Hollein — um sein Beibelturrm zu verunmöglichen gründete sich dereinst unsere Gesellschaft (Aufgrund anhaltender Kontroversen nicht ausgeführt, führt die um die Namen vertraut karge Erläuterung aus). Staunt über Herzog & de Meuron, eindeutig nach 1989, übergeht die hohle Phrase (…verbindet mit seiner Einfachheit die historischen Entwicklungslinien und das Ensemble herausragender Solitäre…. wird die leere Mitte füllen und die räumliche Wahrnehmung des Kulturforums verändern) — und stolpert über die Erläuterungen im Hauptteil. An den Wänden und im Netz.

…Das Kulturforum wurde ab 1960 aus dem Schmerz geboren und war zur Vision verdammt. Bisher war es gängig, den Anfang auf 1958 zu legen (Hauptstadt-Berlin-Wettbewerb, siehe etwa beim Stadtsenat). Meint man hier etwa den Baubeginn der Philharmonie? Das „zur Vision verdammt“ wird mit keiner Silbe erläutert.
…Mit der Abräumung der Kriegsruinen wurden die Bauten, die Geschichte des Viertels und die Schicksale von Enteignung, Vertreibung und Tod seiner Bewohnerschaft entsorgt und vergessen. Man meide, eigenes Vergessen und Versagen den anderen anzulasten. Zumal es überaus deutliche Gegenworte der Zeitgenossen gibt. Im Bau der Philharmonie sah ein Adolf Arndt nebst anderen ein starkes Zeichen des Andenkens und des Überwindens — und wird mit genau diesen Worten auf der Homepage der Ausstellung zitiert!
…Der Neubeginn stand im Zeichen Amerikas. Nicht in Nord-, auch nicht in Südamerika sollte man nach Vorbildern des Forums suchen! Auf der Museumsinsel schon, wie auch dieses an einer anderen Stelle des Projektes unumwunden zugegeben.
…Die Krankheit ist das totalitäre Planen in Großkomplexen, ohne eine unterliegende parzelläre Struktur, die das, was hingesetzt wird, mit der übrigen Stadt verbinden und funktional auflockern könnte… moderne Maßlosigkeit. Es ist schon eher ein Zeichen des totalitären, alle Alternativen ausschließenden Denkens eines Dieter Hoffmann-Axthelms, wenn andere Möglichkeiten jenes Verbindens von vornherein abgelehnt, ja totgeschwiegen werden. Wie wäre es etwa, wenn die meisterhafte städtebauliche Konzeption des Kulturforums (Jedem einzelnen Bauwerk… wird die ihm gebührende Bedeutung zugemessen, und doch fügen sich diese — durch Funktion und Gestalt so verschiedenartigen und eigenwilligen — Gebäudegruppen zu einem überzeugenden und harmonischen Ensemble zusammen. Das Forum entwickelt den auf den Menschen bezogenen Maßstab der an ihm entworfenen Gebäude aus der vorgegebenen zierlichen Gliederung der Matthäikirche; sein sich nach Norden öffnender Raum bezieht zunächst den im Maßstab kleiner geformten Kammermusiksaal der Philharmonie und dann die im Hintergrund aufragenden größeren Baumassen… in glücklicher Weise ein. — Preisgerichtsurteil) ihre Fortsetzung erfuhre in einer entsprechenden, weniger manhattanesk-hohen und -engen Anlage des Potsdamer und Leipziger Platzes?
…Das Kulturforum ist ein Viertel ohne Bürger*innen, die Entwicklungen anstoßen. Die Anrainer haben kein Mandat und keine Mittel, um sich um den Außenraum zu kümmern, oder, nach Hoffmann-Axthelm, ohne die minimalen Spielräume für Selbstorganisation. Schade, daß ein Autor es nicht sah, dessen Zeilen an einer anderen Stelle im Projekttext stehen: Hans Scharouns Idee für ein terrassenartiges „Gästehaus“ (1963) für Künstlerinnen und Künstler zwischen Staatsbibliothek und St. Matthäus-Kirche sollte eine Voraussetzung für die „Stadtlandschaft“ Kulturforum und ein belebtes und lebendiges Kulturforum schaffen. Da war von Planern ihr Soll erfüllt! Im Unvollendet-Sein sei das Übel — und das schreiben die Autoren selbst. An einer anderen Stelle. Und das Wisniewski-Wirthen´sche Gästehausmodell wies man aus eingangs erwähnten Gründen ab.
…Das Kulturforum wurde als autogerechte monofunktionale Kulturstadt im Schatten der Berliner Mauer geplant. Eher, als fußgängerfreundliche, rund um die Uhr aktive Gegend, als Brückenschlag von West nach Ost. Wie andernorts richtig vermerkt, gründet …die neue Verkehrsführung für das Kulturforum [auf] dem 1957 verabschiedeten Verkehrskonzept für Berlin. Jahre vor Mauerbau also, vor Philharmonie, Staatsbibliothek und Co. Einem gesamtberliner Plan — den Planern ist eher vorzuwerfen, die Existenz der Mauer zu lange ignoriert zu haben. Das Monofunktionale war nicht Scharouns sondern der Sparer vom Amt, und auch die Autogerechtigkeit nicht. Die stark befahrene Hauptstraße, die das Quartier durchschneidet wäre bei Umlenkung allen Durchgangsverkehrs auf 1957er-Westtangente nichteinmal entstanden. Das Im-Schatten-Sein steigert sich an anderen Stellen zum Bollwerk gegen den Osten und Abwehr [westlicherseits] des sozialistischen Deutschlands hinter der Mauer. Als hätten die Grenzwachtürme hier und nicht auf der anderen Seite gestanden.
Dazu noch die üblichen Floskeln, die Philharmonie sein ein Bau ohne rechte Winkel, Achsen und bauliche Hierarchien, die übliche Auslassung zum geerdeten Dach der Nationalgalerie — es hätte fliegen sollen!

Zwei Höhepunkte brachte der 27. August dennoch. Zum einen, Das ungebaute Kulturforum, ein Film von Knut Klaßen und Carsten Krohn, wo Mies van der Rohe, Gerd Neumann, Alvaro Siza, Hans Hollein, Max Dudler, Herman Hertzberger, Inken und Hinrich Baller, Peter Wilson und Wilfried Wang zu Wort kommen — stellenweise leider viel zu leise —, zum anderen aber die Begegnung mit Menschen, die die trapezoiden Plätze Scharouns schlecht und den Aldi gut finden: die gibt es wirklich! Sie werden aber sicher nicht täglich dort anzutreffen sein.

Bessere Koordination hätte der Schau gut getan. Ein Vortrag soll die sie abrunden: Dr. Hannah Wiemer spricht am 4. November 2021 um 18:15 Uhr im Saal der Staatsbibliothek zum Weg des Buches (Der Scharounbau der Staatsbibliothek zwischen Bücher- und Straßenverkehr) — uns bleibt vorerst aber nur die Feststellung, daß große Berge zumal auch kleine Mäuse gebaren. Andererseits liegen die Musen und die Mäuse im Lateinischen ja nahe…

Man wünschte, sie hätten auf unsere „ScharouNIE“ doch nur gewartet! Sie öffnete wenige Tage später und räumt mit so vielem auf. Es folgt bald eine Internet-Version.

Insterburger Photogedicht Ikuru Kuvajimas

COLTA.RU, Rußlands große unabhängige Online-Zeitschrift, veröffentlicht eine Bildstrecke des japanischen Photographen und Bruno-Taut-Forschers Ikuru Kuvajima: 2020 besuchte er bei seiner Reise in die Geburtsstadt der Taut-Brüder die „Bunte Reihe“ Hans Scharouns. Die übermalten Dias sind seine Auseinandersetzung mit den Bauten und ihren Bewohnern.

Erstmals wird im Beitrag der volle Wortlaut des „Aufrufes zum farbigen Bauen“ auf Russisch wiedergegeben (Übersetzung von D.Suchin).

„Die vergangenen Jahrzehnte haben durch ihre rein technische und wissenschaftliche Betonung die optische Sinnenfreude getötet. Grau in graue Steinkästen traten an die Stelle farbiger und bemalter Häuser. Die durch Jahrhunderte gepflegte Tradition der Farbe versank in dem Begriff einer „Vornehmheit“, der aber nichts anderes ist, als Mattheit und Unfähigkeit, das neben der Form wesentliche Kunstmittel im Bauen, nämlich die Farbe, anzuwenden. Das Publikum hat heute Angst vor dem farbigen Haus und vergißt, daß die Zeit nicht so lange her ist, in der die Architekten keine schmutzigen Häuser bauen dürften und in der man kein Haus verschmutzen ließ. Wir Unterzeichneten bekennen uns zur farbigen Architektur. Wir wollen keine freudlosen Häuser mehr bauen und erbaut sehen und wollen durch dieses geschlossene Bekenntnis dem Bauherren, dem Siedler wieder Mut zur Farbenfreude am Äußeren und Inneren des Hauses geben, damit er uns in unserm Wollen unterstützt. Farbe ist nicht teuer, wie Dekoration mit Gesimsen und Plastiken, aber Farbe ist Lebensfreude und, weil sie mit geringen Mitteln zu geben ist, deshalb müssen wir gerade in der Zeit der heutigen Not bei allen Bauten, die nun einmal aufgeführt werden müssen, auf sie dringen, bei jedem einfachsten Siedlerhaus, beim Barackendorf im Wiederaufbaugebiet usw. Wir verwerfen den Verzicht auf die Farbe ganz und gar, wo ein Haus in der Natur steht. Nicht allein die grüne Sommerlandschaft, sondern gerade die Schneelandschaft des Winters verlangt dringend nach Farbe. An Stelle des schmutzig-grauen Hauses im Freien trete endlich wieder das blaue, rote, grüne, schwarze, weiße Haus in ungebrochener, leichtender Tönung. Natürlich ist die fortgesetzte Pflege mit Neuanstrich und Ausbesserung die notwendige Folge, wie es noch heute in Holland und vielen anderen Gegenden Tradition ist und einmal überall war.“

Bruno Ahrends, Walter Curt Behrendt, Peter Behrens, Hans Bernouille, Hans Robert Daniels, Wilhelm von Debschitz, Karl Elkart, Martin Elsässer, August Endell, Eugen Fink, Paul Gösch, Jakobus Göttel, Hans Grässel, Robert Greuter, Walter Gropius, Erwin Gutkind, Josef Hoffmann, A[?]. Holländer, Carl Theodor Höpker, Paul Hosch, Paul Alfred Kesseler, Paul Klopfer, Frau Otto Kurzrock, Erich Leyser, Carl Krayl, Walter Liebsch, Hans und Wassily Luckhardt, John Martens, Paul Mebes, Richard Meyer, Rudolf Mitzkeit, Bruno Möhring, Karl August Oehring, Bruno Paul, Friedrich Paulsen, Hans Poelzig, Hans Scharoun, Paul Schmitthenner, Ludwig Schrauff, Fritz Schumacher, Heinrich Strammer[?], Bruno und Max Taut, Fritz Voggenberger, Martin Wagner, Friedrich Wagner-Poltrock, Alfred Wiener, Hugo Zehder, Paul Zucker, Otto Rosencrantz, Bund Deutscher Dekorationsmaler e.V., Dr. Adolf Behne, Theodor Däubler, Ferdinand Göbel, Bernhard und Dr. Hans Kampffmeyer, Dr. Hermann Meyerm, Münchener Gesellschaft für Licht- und Farbenforschung, Dr. Karl Ernst Osthaus, Adolf Otto, Dr. John Schikowski, Dr. Josef Strzygowski, Erich Worbs

Минувшие десятилетия, ориентировавшиеся лишь на технику и экономику, погубили в строительстве усладу для глаз. Каменные короба, серые в сером, заступили на место цветных или раскрашенных домов. Столетиями хранимая традиция цветности выродилась в так называемую изысканность, по сути же — в вялость, неспособность применить наиважнейший наряду с пластикой прием строительного искусства, каковым является цвет. Публика сегодня страшится яркого дома, забывая, что совсем недавно архитекторы и помыслить не могли строить тусклые дома, а построенным домам не давали загрязниться. Мы, подписавшиеся, полностью и решительно отвергаем бесцветие. Мы не хотим более строить безрадостные дома и не хотим видеть, как их возводят другие. Мы заявляем о том, чтобы, нас услышав, застройщик и новосел вернули себе исконное право на радость цветности в домах и на домах, чтобы поддержали они нас в наших намерениях. Краска дешевле декоративных карнизов и лепнины, цвет — это воплощенная радость жизни, и недорогая притом. Оттого сегодня, в дни нужды, к ней стремиться должны все возводимые постройки, любой простейший сельский домик, любое временное поселение в зоне восстановления и т.д. Мы отвергаем отказ от цвета, особенно когда дом стоит на природе: и летняя зелень, и тем более снега зимы взывают к цветности. Вместо грязно-серого да восстанет в сиянии дом синий, красный, желтый, черный, белый! За ними придется, естественно, ухаживать, их перекрашивать и восполнять текущие утраты — как сегодня это практикуется в Голландии и других местах, а некогда было привычным повсеместно.

Бруно Арендс, Вальтер Курт Берендт, Петер Беренс, Ганс Бернулле, Ганс Роберт Даниэльс, Вильгельм фон Дебшиц, Карл Элькарт, Мартин Эльзессер, Август Эндель, Евгений Финк, Пауль Гёш, Якобус Гёттель, Ганс Грессель, Роберг Грейтер, Вальтер Гропиус, Эрвин Гуткинд, Йозеф Хоффманн, А[?]. Холлендер, Карл Теодор Хёпкер, Пауль Хош, Пауль Альфред Кесселер, Пауль Клопфер, г-жа Отто Курцрок, Эрих Лейзер, Карл Крайль, Вальтер Либш, Ганс и Василий Лукхарты, Йон Мартенс, Пауль Мебес, Рихард Мейер, Рудольф Мицкейт, Бруно Мёринг, Карл Август Ёринг, Бруно Пауль, Фридрих Паульсен, Ганс Пёльциг, Ганс Шарун, Пауль Шмиттхеннер, Людвиг Шрауфф, Фриц Шумахер, Генрих Штраммер[?], Бруно и Макс Тауты, Фриц Фоггенбергер, Мартин Вагнер, Фридрих Вагнер-Полтрок, Альфред Винер, Гуго Цедер, Пауль Цукер, Отто Розенкрантц, Союз германских художников-декораторов, Мюнхен, д.н. Адольф Бене, Теодор Дейблер, Фердинанд Гебель, Бернгард и д.н. Ганс Кампфмейеры, д.н. Германн Мейер, Мюнхенское общество исследования света и цвета, д.н. Карл Эрнст Остгауз, Адольф Отто, д.н. Йон Шилковски, д.н. Иосиф Стриговски, Эрих Ворбс

Hans Scharouns für das DSM

Zum Tag des offenen Denkmals 2020 stellt das Bremerhavener Deutsche Schiffahrtsmuseum eine Internet-Ausstellung zusammen und leuchtet die Geschichte seines Scharoun-Baus in Bild, Zeitstrahl und Podcast aus: Nutzererfahrungen seitens Museumsforscher und -Besucher, Sanierungsbelange der Denkmalpflege und Planer, sowie ideelle Hintergrunde kommen zusammen:

„Historische Ansichten und ausgewählte Fotobeiträge ergänzen die Übersicht zur Architektur des Gebäudes. Sie bieten Einblicke in die Geschichte des Scharoun-Baus, seine Entstehung und Nutzung. Luftaufnahmen, Innenansichten und Details ermöglichen den virtuellen Zugang zu einem Denkmal, das derzeit nicht besichtigt werden kann. Das historische Potenzial des Gebäudes wird sichtbar und schenkt Vorfreude auf eine Wiedereröffnung des Scharoun-Baus.“

Es sprechen: Olaf Mahnken, Landesamt für Denkmalpflege; Bernd Wiedenroth, Architekt; Dimitri Suchin, Scharoun-Gesellschaft; Ruth Schilling, Ausstellungs- und Forschungkoordinatorin; Sunhild Kleingärtner, Geschäftsführende Direktorin.

Wir danken Karolin Leitermann für die Möglichkeit, an diesem Projekt mitzuarbeiten.

Tag des offenen Denkmals: Denk_Mal nachhaltig

Auch an den diesjährigen Denkmaltagen am 12. und 13. September 2020 öffnet die Scharoun-Gesellschaft die Türen des Scharoun-Ateliers am Heilmannring, mit einer neuen Schau: „Scharoun nachhaltig“.

Die Präsentation „Wohnen bei Scharoun“ von 2012, erstmals 2015 gezeigt und 2016, 2017, 2018 und schließlich 2019 mit kleinen Änderungen wiederholt, ruht vorerst. Das aktuelle Thema „Nachhaltigkeit“ wird im Baufach schon lange und gerne bemüht — wie stehen da die Baudenkmäler Scharouns im Vergleich? Und wie stand zu diesen Fragen Scharoun selbst?

Stimmt es, daß autogerechtes Berlin auf Scharoun zurückgehe? Daß er den gesamten Altbaubestand planieren wollte und tradierte Stadtmuster mit dazu? Kunststoffe den natürlichen Baumaterialien vorzog oder andersrum? Baute er seine Häuser auf Denkmalstatus hinaus? Wie stand er überhaupt dem Denkmal und Denkmalamt gegenüber? — diese und andere Fragen mehr sucht die kleine Ausstellung anzugehen.

Wie bereits 2019 kann das Atelier am Heilmannring nur per Anmeldung mit Angabe von Name und Anschrift besucht werden. Führungen starten stündlich zwischen 11 und 15 Uhr, Dauer der Führung etwa 30-45 Minuten. Treffpunkt vor dem Hause. Der Zugang zum Atelier im 8.OG ist nicht behindertengerecht!
Es gilt die Reihenfolge der Anmeldung. Nach Möglichkeit werden wir natürlich versuchen, Besucher ohne Anmeldung zu berücksichtigen.

Entscheidung im Foyer-Wettbewerb Staatsbibliothek

Pressemitteilung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (in Auszügen) und eine Stellungnahme der Scharoun-Gesellschaft (weiter unten).

…das Gebäude der Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße (Kulturforum) [soll] denkmalgerecht umgestaltet werden, damit es den zeitgemäßen technischen und funktionalen Anforderungen besser entspricht und Teilbereiche neu organisiert werden können.
…Die – auch im Hinblick auf die Barrierefreiheit – zu entwickelnde Neugestaltung betrifft das Foyer mit seinen öffentlichen Nutzungen, die Positionierung der Cafeteria, den Bereich der Zugangskontrolle und die Planung eines weiteren Eingangs zum Marlene-Dietrich-Platz, die der heutigen städtebaulichen Situation Rechnung tragen wird. Die Maßnahmen erstrecken sich über eine Fläche von rund 11.000 Quadratmetern. Das ausgewählte Büro soll [darüber hinaus] mit der Gesamtplanung der Grundinstandsetzung [auf der] Gesamtnutzfläche von rund 67.000 Quadratmetern [beauftragt werden]… besondere Sensibilität im Umgang mit der Originalsubstanz und eine hohe Detailqualität erforderlich.
Die 14 Teilnehmer des nichtoffenen, einphasigen Wettbewerbs wurden in einem vorgeschalteten Bewerberverfahren … ausgewählt. Das Preisgericht [kürte] gmp Generalplanungsgesellschaft [zum Sieger]. Den zweiten Preis sprach die Jury dem Berliner Büro von David Chipperfield Architects zu. Anerkennungen erhielten die Berliner Grüntuch Ernst Planungsgesellschaft sowie heneghan peng architects, Berlin / Dublin … mit adb Ewerien und Obermann und SHS Architekten Stelzner Herbert Sütterle PartG mbB.
Das Gebäude wurde von 1967 bis 1978 nach Plänen von Hans Scharoun mit maßgeblicher Unterstützung von Edgar Wisniewski errichtet. Es gilt als herausragendes Beispiel der Architektur der Moderne und insbesondere der Bibliotheksarchitektur und steht als eingetragenes Denkmal unter Schutz.


Ikone oder Meilenstein

„Eine Ikone der Architektur und des Bibliothekswesens, ein Herzstück des Kulturforums“ – so oder ähnlich titelten die Blätter.

Zum Begriff

Eine Ikone. Ein Kultbild, ein Totenbild, oder einfach eine Übernahme des Amerikanischen? Doch sind Ikonen starr und unveränderlich, sind zugleich ohne eigenem Wert, reine Stellvertreter des Abbilds: nichts davon trifft auf die Stabi zu.
Eine Bibliothek mit offen zugänglichen Regalen („amerikanisches System“) ist sie in Teilen.
Ein Herzstück des Kulturforums und ein Meilenstein im Bibliothekswesen ist sie ohne Zweifel.
Und wie ein jedes auch gut funktionierendes Gebäude bedarf sie zeitgerechter Anpassungen – erst recht nach 40 Jahren Dauerbetrieb. Dies sah man vor Jahren bereits und war vielfach zu Werke, besserte dies und verschlimmbesserte zuweilen jenes. Wegen der mangelnden Sensibilität bei den Fassadenarbeiten musste die Scharoun-Gesellschaft bereits eingreifen.

Erneuern bei Scharoun

Erneuern bei Scharoun heißt nicht selten, zu den Ursprüngen zurückzukehren – auch und gerade in der Technik! Das geschah in Lünen bei der Sanierung, das war in Berlin an der Architekturfakultät nicht anders, das ist auch in Bremerhaven zu erwarten. Hier in der Aufgabenstellung steht die ur-Scharoun´sche Öffnung beider Treppen ins Ost-Foyer, die aus Personalgründen von Beginn an verstellt, die öffentliche Wandelhalle im demselben Ost-Foyer – ursprünglich sollte just dort die Ausgabe der Leserkarten erfolgen, die Kiosknischen warten darauf, befüllt zu werden! Später sollen auch die Lesesäle an der Reihe sein – gehen dann die dezentralen Ortsleihen wieder in Betrieb?

Funktionen im Originalentwurf, Lesesaalgeschoß und Wandelgeschoß zusammengesetzt

Nun sind also die Foyers an der Reihe. Das West-Foyer (Haupteingang, Garderoben, Bonhoeffer-Saal, ehemaliger Katalogsaal, ehemaliger Zeitungssaal), das Ost-Foyer (Kopierbereich, Cafeteria und einige Büros, sowie die Carrels) sowie der Dienstbereich am und unter dem Ost-Foyer (Bücherausgabe Saal/Stadt und das Großraumbüro der Büchererfassung). In den Erläuterungen und den Jurykommentaren werden die letzteren als „durch Umstrukturierungen freigewordene Flächen“ umschrieben – und alle nehmen es so hin?!

Der „Weg des Buches“ – nicht ganz ungestört

Es geht um mehr, als um irgendwelche entbehrlichen Büros.
Es geht um ein Herzstück des Scharoun´schen Konzepts. Um seinen „Weg des Buches“. Um „eine glückliche Kongruenz zwischen dem bandartigen, dem »Weg des Buches« folgenden Funktions- und Raumablauf mit den langgestreckten Flächenmagazinen und den städtebaulichen Prämissen zur terrassenhaften Höhengliederung und zur Raumbildung durch die vorgesetzten Lesesaalkuben“, aus denen die Bibliothek sich „in einer Selbstverständlichkeit und Gelassenheit“ zusammengefügt (Edgar Wisniewski).

Von rechts in der Reihenfolge der Buchbewegung: 11, Poststelle; 10, Akzession; 9, Katalogisierung, Signierdienst, Verwaltungskatalog, Bibliographie; 8, Buchbinderei.
Dazu noch 12, Institut für Bibliothekstechnik

Der „Weg des Buches“: die funktionelle und ins Räumliche übersetzte Abfolge der Stationen, die ein Buch auf dem Weg vom Einkauf (Tiefgarageneinfahrt an der Nordspitze des Hauses) ins Magazin durchzulaufen hatte (Aufzüge am Südende). Dazu Wege der Mitarbeiter und Wege der Leser; Schichten, aus denen das Haus aufgebaut ist.
Kein Dogma und kein Korsett!
Scharoun selbst räumte ein Magazingeschoß für Büros, sein Café lag immer schon in der Büro-Schicht: gegen eine Passage zum neuen Potsdamer Platz hätte er gewiß nichts einzuwenden, zumal nebst der städtebaulichen Lage auch der Bau der Müggelsee-Magazine die Funktionalfolgen sich inzwischen komplett wandelten – und das nicht seit Gestern erst. Doch die Organisationsbedenken und auch die Sorge etwa um die Lesesaal-Decke standen dem entgegen. Selbst ein Entwurf von Edgar Wisniewski, dem Projektarchitekten, hatte keine Chance.

Verbleiben wir bei Wisniewskis Worten

Hans Scharoun war ein Raumkünstler – alle eingereichten Arbeiten sind aber flächig. Er plante die Nachbarschaft stets mit – diese bleiben strikt hinter den Abschnittsgrenzen: nichteinmal ein Sondervorschlag reichte man ein! Und dabei wäre dafür mehr als ein Anlaß. Die Rede ist vom „Tor Kulturforum“ – eine reizende Formulierung.
Zugleich ein Eingeständnis, daß die Stimmann´schen Torhauswürfel an der Kreuzung Potsdamer Str./Entlastungsstraße gnadenlos gescheitert sind.

Eine Torsituation haben wir also, wo Renzo Pianos Spielbank und sein Musicaltheaters sich vor die Stabi schieben, bis nur ein Spalt verbleibt. Egal wie expressiv die Flugdächer an der neuen Tür, egal wie riesig die Lettern auf der Wand – zu sehen werden sie vom Marlene-Dietrich-Platz nicht sein. Müßte so ein Dach und so ein Name nicht hinter dem Spalt sondern vielmehr vor diesem sein? Durchgesteckt?
Naheliegender Gedanke, von den Teilnehmern allerdings nicht aufgegriffen.
Renzo Piano überspielte übrigens die von ihm geschaffene Enge mit einem Steg vom alten Stabi-Café zu den Sitztreppen auf der anderen Platzseite. Man hatte Gründe, ihn nicht zu bauen, die Stiegen errichtete man aber doch. Sie warten immer noch auf sinnvolle Nutzung…

Wagte überhaupt wer einen Blick auf jenen Dietrich-Platz?
Wohl kaum, sonst hätten die Entwerfer nicht mühevoll versucht, den neuen Osteingang mit Rampen und Aufzügen behindertengerecht zu machen. Denn gerollt oder aufgezogen steht der Rollstuhlfahrer im Osten beim Verlassen der Bibliothek vor einem unüberwindbaren Erdtrichter: wäre die Westseite nicht sowieso ausreichend gewesen?
Lude der Trichter nicht etwa ein, die Stabi gar in Kellerhöhe anzugehen?
Warum nicht die ganze Musical-Stabi-Schlucht mit überdenken, wo nicht nur Scharoun, sondern auch Piano vor neuen Tatsachen stehen? Denn: den Bibliothekaren mag die ungegliederte Wand vor ihren Fenstern ein verschmerzbares Übel – doch nun schaut die Öffentlichkeit aus ihren Fenster heraus! Warum kein Grün auf dieser kahlen Wand, warum kein Öffnen auch des Theater-Foyers? Brauchen die nicht auch ein Café?

Die Jury moniert – aber nicht dies, sondern die ganze Landschaft aus Leseterrassen, die der Wettbewerbsgewinner am Canarishaus-See ausbreitet. Die einzige wirklich städtebauliche Lösung im ganzen Verfahren!

Im Inneren: „zur Eleganz Scharoun´scher Räume zurückfinden“, „Entschlacken“, „Freilegen“. Es geht in erster Linie um die Einbauten der Saalleihe und der Stadtleihe, um die Spinde. Die Entscheidung zwischen gmp und Chipperfield soll des letzteren großräumliche Abtrennung des Zugangsbereichs im EG bewirkt haben.
Wobei Chipperfield gerade Scharouns Originalzeichnung fortschrieb.

Westfoyer bei gmp
Westfoyer bei Chipperfield

Diejenigen Arbeiten mit Riesenkreuzen im Foyer, mit ihnen in nichts nachstehenden Hippodrom-Ovalen, mit allumzirkelnden Pentagrammen als ob in Anlehnung an die Philharmonie und mit bemüht lustigen Pentapod-Blümchen schieden schon in erster Runde aus – meinten ihre Urheber ernsthaft, Scharoun auf diese Weise „weiterentwickeln“, gar belehren und bekehren zu können?
Andere wiederum haben ihren Querweg wohl aus übertriebenen Scharoun-Respekt extra verwinkelt, als ob in Duty-Free-Shops durch die Kantinenkasse gelegt: warum so schüchtern?
Stellt die Nordtreppe ganz frei!
Macht den neuen Ostzuganz zum Raumerlebnis!

Noch sind wir von einer selbstbewußten, dabei keinesfalls zwingend gradlinigen, parallelwandigen Promenade zum Wohle des Hauses und anderer Kulturforum-Anrainer weit entfernt.

Stattdessen haben wir eine immerhin delikate Objektlösung. Qualitätive Ausarbeitung gegebener Chancen. Fingerspitzengefühl: schon ein Gewinn.

Eine wesentliche Änderung war den Siegern vorgegeben: die meist verwaiste Wandelhalle des Ost-Foyers soll der Öffentlichkeit zugänglich werden. Komplett: ein Teilnehmer teilte sie längs in einen allgemeinzugänglichen und einen den Lesern vorbehaltenen Teil, mit aufwendiger Barriere und erheblich gestreckten Laufwegen Garderoben → Treppenlauf → Kontrollhäuschen in der Mitte des Saales → Treppenlauf → Lesesaal – und wurde deplatziert. Nimmt man dies mit den bereits ab dem 1. Oktober ausgedehnten Öffnungszeiten und mit der geplanten Abschaffung der Jahresgebühren zusammen, steht uns da vielleicht eine komplette Abschaffung jener Kontrollen ins Haus?

Ostfoyer bei gmp

Dies sahen die Sieger wohl so, und setzten eine minimierte Zugangssperre zwischen die beiden Treppenläufe, an der Nord- und der Südtreppe je eines. Am Behindertenaufzug vom Westfoyer mit den vielen Lesesaalebenen nahmen sie jene antizipierte Freiheit bereits vorweg: im Ost-(Kontroll-)Foyer hält der Aufzug nicht, es sind keine Zugangssperren erkennbar!

Die Faltung der neuen Veranstaltungsraum-Wände im Ost-Foyer erscheint willkürlich. Ob die Versammlungen, wie in der Darstellung angedeutet, sich auf die Balkone ausdehnen werden? Wünschenswert wäre es.

Eine verlängerte Bestandstreppe führt von hier zu den Gruppenarbeitsplätzen hinab, die sinnvollerweise im einstigen Großraum zu finden sind: „neues Leben“ in alter Form. Was bei den Bibliothekaren nie recht angekommen, feiert jetzt seine Wiederkehr als „Coworking“ mit „Hot Decks“. Typisch Scharoun´sche Sanierung eben, und weit besser als die Gruppenarbeitsplätze ins Süd-Foyer zu legen: man denke nur an die Geräuschkulisse!

Großraumbüro jetzt
Großraumbüro neu

Jene Treppenverlängerung wird im Juryurteil explizit gelobt – doch bedeute sie nicht auch, dass am weiter nach oben führenden Lauf entstellende Sperren notwendig werden? Und was wird aus der gar nicht erst erläuterten Mitteltreppe am Mendelsohn-Archiv?

Kritisch hingegen wird die Jury beim der Umgang der Sieger mit dem Bonhoeffer-Saal: seine Decke soll auf die Ebene des Hauptlesesaales hinaufspringen (andere wiederum ebneten den Boden des Saales, glichen ihn den Foyers an). Somit wäre sie auf der Höhe des Hauptlesesaales und böte dort ein tatsächlich kaum zu verstehendes Bild. Hier gelobten die Autoren, eine Erklärung nachzuschieben.
Vielleicht gibt es da auch Details zur wortkargen „Ausstellung“ im Ost-Foyer.
Daß die Lichtdecke des Saales wieder zur Sonne geöffnet werden soll, ist dagegen unstrittig.

Späte Genugtuung für Edgar Wisniewski

Daß Wisniewski als Mit-Urheber des Hauses in den Vorgaben genannt wurde, ist übrigens eine unzweideutige Errungenschaft des aktuellen Verfahrens. Die Sieger zeigten sich sogar betont an der Wahrung seiner Rechte interessiert. Ihm, der bis ins hohe Alter mit Belegen, ja Beweisen der Urheberrechte am Stabi-Entwurf gegen zweifelnde und uneinsichtige Juristen viel zu lange kämpfen musste, hätte diese späte Anerkennung sicher ein wenig Genugtuung eingebracht.

Fortsetzung folgt

Bis 2024 soll die Ausführungsplanung abgeschlossen sein, der Ausführung selbst gibt man Zeit bis 2029 Zeit. Der Kostenrahmen wird noch bekanntgegeben. Hoffentlich erfahren wir gelegentlich auch, was sich hinter der kryptischen Floskel „Ansprüche der neuen Zeit“ verbirgt, denen die Räume nun genügen sollen. Denn „Digitales“ und „Clip-Aufmerksamkeit der Benutzer“ sind momentan in den Plänen nicht abgebildet. Sind sie überhaupt abbildbar?

Und die Presse mit der wir begannen bringt bereits die erste Änderung der äußeren Umstände mit: „Cirque du Soleil“ zieht alsbald in die Musical-Theater-Wände ein. Vorverkauf beginnt in Kürze: Entrez!


Die Sieger bei gmp (von Gerkan, Marg & Partner)

Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Christian Hellmund
Projektleitung: Anna von Aulock
Mitarbeiter: Bao Wangtao, Stephanie Brendel, Marta Busnelli, Jan Peter Deml, Anna Jordan, Tobias Schmidt, Kristin Schoyerer, Nadja Stachowski, Tang Zihong, Thilo Zehme
Fachberater: Larissa Sabottka, Pro Denkmal, Architekturhistorikerin; Dr. Klaus Werner, FU Berlin, Direktor Philologische Bibliothek; Tobias Behrens, ADA Acoustics & Media Consultants GmbH, Bauakustiker