Festvortrag von Prof. Hinrich Baller anlässlich des 25jährigen Bestehens der Scharoun-Gesellschaft

‚Die Eroberung des Unwahrscheinlichen‘ Peter Sloterdyk

Staatsbibliothek, 23. November 2009
Ihre Einladung zu diesem Fest ehrt mich und ich bitte um etwas Geduld – mein Beitrag ist ein wenig kompliziert – es liegt an Ihnen als Jubilar, an der Komplexität von Hans Scharoun und das liegt auch an mir.

‚Die Eroberung des Unwahrscheinlichen‘ nenne ich meinen Beitrag mit einer Anleihe aus Peter Sloterdyk, ‚ Du musst Dein Leben ändern‘ ( Suhrkamp 2009) – Die Eroberung des Unwahrscheinlichen möchte ich auch das Werk von Hans Scharoun nennen insbesondere in einer Zeit, die das Wahrscheinliche geradezu zum Fetisch erhebt.

Was weder geahnt, gewusst oder auch nur gesehen worden ist, das hat er einfach gemacht: Im Mannheimer Theater, der Philharmonie und hier in der großartigen Staatsbibliothek. Zum Geburtstag wünsche ich Ihnen, sehr verehrte Scharoungesellschaft, dass wir uns als ein Basislager verstehen – im Sinne Peter Sloterdyk – für eine Reise, eine Expedition zur Eroberung des Unwahrscheinlichen. Unsere Welt und insbesondere die Architektenwelt ist derart von Wahrscheinlichkeiten umgeben, dass für das Unwahrscheinliche kein Raum bleibt. Eine rückwärts gewandte Typologie-Diskussion über das Gewesene ohne Aufstiegsziele kennzeichnet die aktuellen Architekturargumente. Hier sollten wir ansetzen.

Wir werden auch prüfen müssen ob die lieb gewordenen Worte von Hans Scharoun: ‚ Das Geheimnis der Gestalt‘, Wandel der Struktur in Raum und Zeit‘ und auch sein Bekenntnis aus seiner letzten Rede beim Empfang des Erasmuspreises zu ‚ Innovation statt Perfektion‘ ob das alles für den Aufstieg aus dem Basislager zum Berg des Unwahrscheinlichen heute noch ausreichend ist oder – wie ich meine – ob wir uns kümmern müssen, über Scharoun mehr zu wissen und vor allem mehr zu verstehen für den neuerlichen Aufstieg zu veränderten Höhen.
Philharmonie nie, das war der Schlachtruf der Philharmoniegegner nachdem der Wettbewerb entschieden war – mein Lehrer Hermkes war im Preisgericht. Es gab wichtige Fürsprecher – Herbert von Karajan, Boris Blacher, HH Stuckenschmidt – denen das Basislager der Konzertgänger gegenüberstand, orientiert am Wiener Musikvereinssaal, der alten Singakademie und natürlich auch an dem neuen Konzertsaal der Hochschule für Musik von Paul Baumgarten, dem damaligen Domizil der Philharmoniker.

Nun sollte der Aufstieg ins ‚ völlig unbekannte und ungewisse erfolgen. Was das bedeutet gegenüber gewachsenen Hörgewohnheiten kann man kaum beschreiben. Nur ein Beispiel: die Berliner Philharmoniker haben in der Messehalle im Maßstab 1:1 Scharouns Podium ausprobiert und mit den Praktikabeln experimentiert. Und selbst dieses Podium wurde später, wie Sie wissen neu gebaut – nämlich veränderlich.

Zur Lösung von ‚ Musik im Mittelpunkt‘ mussten viele sehr kleine Einzelprobleme neu gelöst werden. Das ist auch der Grund weshalb viele gedankliche Bausteine aus dem Scharounlabor in späteren Konzertsälen sich wieder finden – z.B. eine bessere Brüstung im Saal ließ sich auch im Gewandhaus nicht finden. Wir betraten Neuland.

Scharouns Reaktion war relativ einfach „Wir müssen das jetzt einfach mal machen“ ( zitiert nach Wisniewski Festschrift 25 Jahre Philharmonie Berlin) Machen und Wollen war synonym für das Annähern an das Werk.

Das erinnert an Sartre „ mit seinem Tun zeichnet der Mensch sein Gesicht“ ( Das Sein und das Nichts 1943) und an anderer Stelle ‚ Der Mensch ist das was er vollbringt‘ oder: Nur der Mensch kann sich mit dem beschäftigen was es nicht gibt – oder schließlich mit Ernst Bloch, was es noch nicht gibt, in der Hoffnung aber bereits denkbar ist.

Scharoun zeigt sich für mich von Insterburg bis zum Wolfsburger Theater – „ Wir müssen es tun“ – Scharoun hat nicht mit Schopenhauer gefragt: Kann ich wollen was ich will – und das ist doch eine Frage. – Eine Frage, die er selbst bitter hat erkennen müssen am Kasseler Theater, als die Intrigen überwucherten und er einfach rausgeflogen ist. Er konnte nicht wollen was er wollte, obwohl seine Arbeit über alles erhaben war. Er blieb seinem Gedanken treu auch wenn er später anlässlich einer der vielen Philharmonie Krisen einmal sagte: ein zweits Kassel überstehe ich nicht.
Der Aufstieg ins Unwahrscheinliche stößt an Grenzen – der Gang ins Wahrscheinliche nicht.

Ein anderer Satz aus der o. gen. Festschrift: ‚ Nun müssen wir das noch schöner machen, was wir wollen‘. Der Satz macht zunächst nachdenklich, weil im Büro Scharoun natürlich nicht über Girlanden und Oberflächen gerungen wurde.

Es ging um die Selbstverständlichkeit des Gebäudes, es aus sich heraus zu begründen – eine tiefere Schönheit zu finden – funktionieren ist eine Sache, Erscheinung, Vorgang und Gesamtheit wie logische Teile zueinander zu fügen in einem übergeordneten Gedanken – dafür steht Hans Scharoun. Auch das erinnert an Sartre, der Mensch ist was er vollbringt‘ und mit seinen Räumen zeichnet er seine Sicht vom Menschen.
Alle Häuser von Scharoun sprechen zu uns, sie sehen uns an und um mit Valerie zu sprechen, ‚ einige singen‘.
Bei der Vorbereitung habe ich überlegt wo meine eigenen Lebenslinien mit denen der Scharoungemeinde Berührung gefunden haben, 2 Punkte sind mir eingefallen.

Zum einen hat Kirstin Freireis in ihrem Buch‘ Berlin Denkmal oder Denkmodell‘ mich mit einem Beitrag zu Scharouns Kulturforum aufgenommen: das Terrassenhaus aus dem Wettbewerbsmodell haben wir quasi aufgemessen und die terrassierten Baukörper mit Grundrissen und Schnitten aus unserer Werkstatt ausgestattet mit mediteranen Treppenwegen und den schwierigen Hohlraum darunter ausgefüllt mit einer olympischen Sporthalle und einer anschließenden ebenso großen olympischen Schwimmhalle. Die Idee war sehr einfach: Zum Kulturforum – wenn ich der Platonschen Akademieidee folge – gehören Geist und Körper ebenso wie Tüchtigkeit und Schönheit zusammen und das praktische, dass Karajan dort auch ins Wasser springen kann und hunderte von Mitarbeitern ihre körperlichen Defizite ausgleichen können – dies springt als Ergänzungskultur heraus. Wie Sie wissen wurde daraus nichts aber die Sporthalle ist am Winterfeldtplatz gebaut und statt der Terrassenhäuser aus dem Scharounmodell sind dort 180 Kinder in Terrassen darüber angesiedelt. Die Idee ist einen anderen Weg gegangen – ( 2 A4 Blätter in der Anlage)

Der zweite Berührungspunkt findet sich in der o.g. Festschrift 25 Jahre Philharmonie innerhalb eines Beitrages von Manfred Sack über „ Die Berliner Philharmonie und ihre Verwandten“. Da kam Herzberger’s Utrecht, Skoda’s Gewandhaus und was er sonst noch aufgeführt hat ins Bild und er schließt seinen Beitrag mit einem Brückenschlag zurück zu den Aquarellzeichnungen des jungen Scharoun und endet mit folgenden Worten:
‚Das Thema wird noch lange nicht langweilig. Die neueste Variation stammt von der jungen Architektin Doris Piroth: eine schwimmende Hamburger Philharmonie mit im Raum kreisenden schalenartigen Besuchertribünen ‚ zu beiden Seiten des Podiums, eingebaut in die kolossalen Laderäume eines ausgedienten Massengutfrachters, eines , echten Großschiffes‘. Die Architektin und ihr Mentor Hinrich Baller sähen es gern auf ewig festgemacht am Kai wie die Leningrader Aurora‘. Nah dem ‚Weinberg‘ also wäre da ein ,klingender Kristall‘. Scharoun wirkt weiter. “ – Das Licht geht um das ganze All und ist lebendig im Kristall‘ (Paul Scherbart) – Doris Piroth ist unter uns und wir inzwischen verheiratet, die schwimmende Philharmonie nicht gebaut. Der 300 m lange Massengutfrachter für Erz, den die Reederei Leonhard und Blumberg zur Verfügung gestellt hatte, ging irgendwann freiwillig oder unfreiwillig unter und vor Ort in Hamburg entsteht auf dem Lagerhaus ein Basislager nicht zum Aufstieg ins Unwahrscheinliche sondern eher für Reststücke aus dem Scharounlabor. – ( 2 A 4 Blätter der schwimmenden Philharmonie in der Anlage) 2009 luden die Berliner Festwochen zum 03. September in die Philharmonie ein –und zwar nur Bühne und Blöcke E und H. Auf dem Programm: ‚ Hymnen‘, ein abendfüllendes elektronisches Werk von Karlheinz Stockhausen.

In der Mitte vom Podium saß Simon Stockhausen – der Sohn – inmitten von elektronischen Steuergeräten und umgeben von einer Schar Zuhörer auf der Bühne und den angrenzenden Blöcken E und H.

Hier saßen wir und schauten in das Dunkel des riesigen Raumes, Scharouns Sterne‘ an der Decke leuchteten realistisch und ca. 30-50 Lautsprecher im Saal verteilten merkwürdige Klänge, die an Kurzwellensender erinnerten – wir fühlten uns wie in einem Raumschiff auf Weltumsegelung. Musikalisch erkennbare Bausteine waren Bruchteile von Nationalhymnen in Assoziationen ferner Olympiaübertragungen – eingebettet in weißes Rauschen, Funksignale und dem weiten Repertoire elektronischer Klänge als weltumspannendes Klangmosaik. Wir waren fasziniert und eine Assoziation ging mir durch den Kopf. Das ist der Raumgedanke, den 56 Jahre vorher Scharoun in seinem Wettbewerbsbeitrag für das Mannheimer Theater aufgezeichnet hat – ein kleines Häufchen eng zusammengerückter Zuhörer und das weite Rund des Geschehens, das er in seiner Art mit großen Bogenlinien darstellte für den großen Raum. Ich lese ein paar Zeilen aus dem Erläuterungsbericht von 1953 “Während das perspektivische Theater das Nacheinander zum Inhalt hat – …beinhaltet das aperspektische Theater das neben- und Übereinander – in zeitlicher Ganzheit – aufgrund der neuen Zeitkonkretisierung, die im Wegablauf und im polaren Bezug von ‚Orten‘ ausgedrückt wird.
– Die zeitliche Ganzheit wird im Räumlichen durch Orte verwirklicht“ – Genauer konnte man kaum beschreiben was Stockhausen 56 Jahre später verwirklichte.

Noch weiter geht Klaus Michael Grüber in seiner Winterreise im Berliner Olympiastadion am 01.12.1977 – eine abenteuerliche Veranstaltung des ‚aperspektischen‘ Theaters zu Hölderlins Hyperion – der Eremit in Griechenland.

Das dunkle riesige Stadion war in einem einzigen Block von Publikum besetzt, in Decken gehüllt, weil es eiskalt war. Unten lief ein Marathonläufer seine Runden. Auf dem Spielfeld aufgebaut die Ruine des Anhalter Bahnhofs und das Ensemble der Schaubühne vermittelte in ‚Orten im Raum‘ die einsamen Hölderlin Verse.

Dann fuhren merkwürdige Militärjeeps und vermittelten Gestapo und Festnahme, Krieg und Ruine. – Alles vor dem Hintergrund dieser Hölderlinvision des einsamen Eremiten. Es war ein so aufregendes Theaterereignis und es war die Ausgestaltung dessen was Hans Scharoun als aperspektivisches Theater in seiner Vision von 1953 vor Auge hatte. „Die zeitliche Ganzheit wird im Räumlichen durch Orte verwirklicht.“

Peter Stein’s Faustprojekt in der Hannover Messe und der Treptower Halle geht in der ‚Zeitkonkretisierung, welcher der Raum dient (Scharoun), noch weiter, weil das Spiel den Ort konkretisiert und die Zuhörer entgegen jeder Perspektive Teil und Teilhaber des umgebenden in der Zeit konkretisierten Raumes wurden.

Betrachten wir mit Peter Sloterdyk die heutige Festgesellschaft in unserem auf stetiges Üben ausgelegten Planeten als Basislager und wenn Sie so wollen auch als Trainingslager für den Aufstieg ins Unwahrscheinliche, so habe ich Ihnen neben unseren beiden sehr kleinen eigenen Beiträgen drei sehr große Expeditionen in das Reich des unwahrscheinlichen aufgezeigt, die unter Beweis stellen in wie hohem Maße Scharouns Gedankengut nach Jahrzehnten noch für Transformation taugt und uns zwingt zu prüfen, ob wir mit Begriffen ‚ Geheimnis der Gestalt ‚ oder dem Häringschen Begriff des ‚ Organwerkes‘ seiner – Arbeit überhaupt gerecht werden. Dies sind Beschreibungsmetaffern für die Hinterbliebenen, – für das Training und für den Aufstieg zum Unwahrscheinlichen sind sie wenig geeignet. Dafür bietet Scharoun’s Werk wesentlich handfestere und grundsätzlichere Anstösse. Edgar Wisniewsky hat uns etwas sehr schönes über Scharoun verraten in der o.gen. Festschrift ‚ 25 Jahre Philharmonie ‚ einen Schlüsselsatz „ wo der geniale Baumeister zum Mittler wird, der hervorbringt was sein Unterbewusstsein empfunden und erkannt hat – empfunden und erkannt –

Wir wissen heute aus der Hirnforschung, insbesondere seit 1979 durch Benjamin Libet , dass empfundenes unbewusst ist und Erkenntnis Voraussetzung zum Handeln, und dass ohne Vorlauf des Unbewussten ein Handeln unmöglich ist. Eine Sekunde vergeht von unserer Absicht bis zur Handlung davon eine halbe Sekunde ohne Bewusstsein, jedes Ereignis prägt uns eine halbe Sekunde ohne unser Zutun erst danach können wir abblocken oder laufenlassen.
Der Satz Sartres ‚ wir seien zur Freiheit verdammt – also frei – ist medizinisch nicht haltbar, wir sind unfrei bis zur Erkenntnis. Von der Erkenntnis bis zum Handeln können wir entscheiden, also auch umkehren, aber wir sind programmiert durch unsere Eindrücke.

Betrachten wir das Werk von Hans Scharoun, so wird evident, in wie hohem Maße es auf unser Vorbewusstsein wirkt von Sekunde zu Sekunde, ohne dass es uns bewusst ist auch vor allem ohne dass wir die Wirkung beschreiben können. Wir werden Teilhaber einer von ihm geschaffenen Dramaturgie.

Fritz Bornemanns Deutsche Oper – ein wunderbares Haus – empfängt uns unspektakulär zu ebener Erde, wir werden den Mantel los und unsere Alltagsgedanken begleiten uns über Treppen bis auf Saalniveau dort beginnt mit einem Glas Sekt der Abend.

Ganz anders bei Hans Scharoun. Ob wir uns dem neu erstrahlenden Haus Schmincke von 1932 in Löbau, der Philharmonie oder hier der Staatsbibliothek nähern, es stimmt uns von Ferne eine Silhouette auf das Ereignis ein und vom Eingang wird der Blick Sekunde um Sekunde weitergeleitet in der Dramaturgie des Raumes. Die Wirkung ist unmittelbar und wird von unserem Vorbewusstsein im Denken empfunden.

Es macht uns sprachlos und lässt sich sprachlich auch nicht vermitteln. Durch alltägliche Dinge: einfache Tür, rechteckige Treppenstufen, Geländer, Wand und Decke werden wir abgeholt und begleitet in einen Raumzusammenhang der jeweils einmalig ist, obwohl er aus einfachen Elementen besteht. Diese vertrauten begleitenden Elemente laden zur inneren Aneignung ein. Sensationen ( schräge Stufen, expressionistische Wände) würden unser Vorbewusstsein stören und in uns Gegenpositionen auslösen. Reflektionen aber, die der junge Scharoun schon statt Sensationen fordert führen zu Bewusstwerdung dessen was schon vorbewusst verstanden wird – „ empfunden und erkannt‘ genau entsprechend heute erforschter Gehirnabläufe. Nicht organische Elemente Wände, Stützen, Decken prägen das Werk sondern die organische Einheit einer Dramaturgie des Denkens vom Vorbewusstsein bis zum Handeln im Raum.

Von Löbau über Mannheimer Theater bis zur Staatsbibliothek fällt auf, eine wie prägende Rolle Scharoun strengen Strukturen und auch rechten Winkeln zuweist, ein Zeichen, dass es sich im ‚Organwerk‘ bei Scharoun um ein geistiges Prinzip handelt vom Werden in der Vorahnung bis zum Ereignis im Raum. Dies erklärt auch warum das Wegprinzip seine Arbeiten bis zum Wolfsburger Theater immer und in allen Projekten begleitet – eine Dramaturgie des Vorganges.

Der Philharmonie fehlt bis heute ihr Platz, der Staatsbibliothek ihr Talraum, dem Wolfsburger Theater die städtebauliche Brücke und vielen Häusern qualifizierte Nachbarn. Blieb Scharouns Werk ein Torso, oder lebte Scharoun mit dem Prinzip des Torso, der seine Werke wie Sterne aus der Mitte heraus strahlen ließ in sich ruhend ohne Ende – sie schauen Dich an.

Scharoun anläßlich der Verleihung des Erasmuspreises 1970: „ Meine Generation erlebte den Übergang, welcher mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann jene Wandlung mutativen Charakters, die eine Reihe neuer Ordnungen setzt, zu der auch die neue Ordnung der Bezüge des Ganzheitlichen zu den Teilinhalten im europäischen Raum gehört. Das Humane der Humanismus – das Anliegen von Erasmus – ist heute noch unser Anliegen. So ist es heute unser Wunsch, dass es zu keiner voreiligen Perfektion – auch nicht im Bereich des Technischen. Dass vielmehr statt Perfektion Improvisation gelten möge, die den Weg der Entwicklung offenhält.“ Den Weg der Fantasie des Denkens für den Aufstieg zur Erforschung des Unwahrscheinlichen, den Weg noch nicht Bewusstes zu Räumen zu führen und schließlich: Vertrauen über das Denken vom Vorbewussten bis zum Ereignis auch dem Unwahrscheinlichen auf den Leib rücken zu können, dies hat Scharoun uns vorgelebt und er steht hier nicht allein – Francesco Boromini – Balthasar Neumann -.

Rainer Maria Rilke hat die Arbeiten am Torso seines Freundes Rodin bewundert und über einen archaischen Torso des Apollo im Pariser Louvre folgende Zeilen geschrieben (ich zitiere nach Peter Sloterdyk)

„Archaischer Torso Apollos“

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug. Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz unter der Schultern durchsichtigem Sturz und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle, und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“
Hinrich Baller

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